Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Zeig mal
Am Morgen, nach dem Frühstück und der schrecklichen Aussicht auf einen weiteren Regentag, hatte sie schlechte Laune und keinerlei Lust, irgendetwas Vernünftiges zu tun. Nicht aufräumen, nicht saubermachen, keine Wäsche zusammenlegen, rein gar nichts. Die Woche war schon unerfreulich und anstrengend genug gewesen, ihr Chef dreht immer mehr am Rad und ist wohl kurz vor einem Burnout, nur will er es nicht wahrhaben.
Also ließ sie Anton am Küchentisch mit seinen Zeitungen zurück, zog sich Gummistiefel und Mantel an und stapfte los, wollte nur raus und sich belohnen. Wie früher als Kind, wenn sie mit fünfzig Pfennig vor zum Büdchen lief und eine gemischte Tüte kaufte, viele Gummibärchen und noch mehr Lakritz.
Nun betritt sie seit Jahren mal wieder das schillernde Kaufhaus, noch schicker und teurer geworden seit ihrem letzten Besuch. Wie viele Jahre ist der schon her? Sie hört alle möglichen Sprachen, nur die eigene nicht. Egal, erst durch die Parfümerie-Abteilung und dann hoch zur Mode. Weite Gänge und sehr viel Ware. Geordnet nach Labels und nach Artikeln, so musst du x-mal schauen, wenn du was Bestimmtes suchst. Nichts für sie. Aber heute lässt sie sich nur treiben, die Augen wandern über Farben, Muster und Schnitte, hier und da streichen die Finger über Materialien, von Cashmere bis Seide, alles da. Wie kann man sich hier entscheiden?
Mit einem schräg bunt gemusterten Kleid steht sie dann in der Umkleide, wie sie diese Kabinen mit schlechtem Licht von oben normalerweise hasst. Aber nein, hier kommt es von den Seiten, und gleich findet sie sich schöner. Zweimal gedreht, von links und rechts betrachtet, wunderbar schräg bunt, denkt sie und grinst sich im Spiegel zu.
„Haste dir was gegönnt bei dem Schietwetter? Zeig mal“, meint Anton, der immer noch am Küchentisch sitzt. Wie viele Zeitungen kann man eigentlich lesen, denkt sie, zieht alles bis auf BH und Slip aus, wirft das bunte Kleid über und stellt sich aufreizend vor ihren Mann.
„Wirklich?“, fragt Anton nur.
„Falsche Frage.“
„Schon sehr bunt.“
„Mal was anderes.“
„Wenn du meinst.“
Was sie jetzt am liebsten antworten würde, sagt sie dann doch lieber nicht, greift sich ein Croissant aus dem Korb, geht rüber ins Wohnzimmer, dreht laut Musik auf und beginnt zu tanzen.
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Zeig mal
Am Morgen, nach dem Frühstück und der schrecklichen Aussicht auf einen weiteren Regentag, hatte sie schlechte Laune und keinerlei Lust, irgendetwas Vernünftiges zu tun. Nicht aufräumen, nicht saubermachen, keine Wäsche zusammenlegen, rein gar nichts. Die Woche war schon unerfreulich und anstrengend genug gewesen, ihr Chef dreht immer mehr am Rad und ist wohl kurz vor einem Burnout, nur will er es nicht wahrhaben.
Also ließ sie Anton am Küchentisch mit seinen Zeitungen zurück, zog sich Gummistiefel und Mantel an und stapfte los, wollte nur raus und sich belohnen. Wie früher als Kind, wenn sie mit fünfzig Pfennig vor zum Büdchen lief und eine gemischte Tüte kaufte, viele Gummibärchen und noch mehr Lakritz.
Nun betritt sie seit Jahren mal wieder das schillernde Kaufhaus, noch schicker und teurer geworden seit ihrem letzten Besuch. Wie viele Jahre ist der schon her? Sie hört alle möglichen Sprachen, nur die eigene nicht. Egal, erst durch die Parfümerie-Abteilung und dann hoch zur Mode. Weite Gänge und sehr viel Ware. Geordnet nach Labels und nach Artikeln, so musst du x-mal schauen, wenn du was Bestimmtes suchst. Nichts für sie. Aber heute lässt sie sich nur treiben, die Augen wandern über Farben, Muster und Schnitte, hier und da streichen die Finger über Materialien, von Cashmere bis Seide, alles da. Wie kann man sich hier entscheiden?
Mit einem schräg bunt gemusterten Kleid steht sie dann in der Umkleide, wie sie diese Kabinen mit schlechtem Licht von oben normalerweise hasst. Aber nein, hier kommt es von den Seiten, und gleich findet sie sich schöner. Zweimal gedreht, von links und rechts betrachtet, wunderbar schräg bunt, denkt sie und grinst sich im Spiegel zu.
„Haste dir was gegönnt bei dem Schietwetter? Zeig mal“, meint Anton, der immer noch am Küchentisch sitzt. Wie viele Zeitungen kann man eigentlich lesen, denkt sie, zieht alles bis auf BH und Slip aus, wirft das bunte Kleid über und stellt sich aufreizend vor ihren Mann.
„Wirklich?“, fragt Anton nur.
„Falsche Frage.“
„Schon sehr bunt.“
„Mal was anderes.“
„Wenn du meinst.“
Was sie jetzt am liebsten antworten würde, sagt sie dann doch lieber nicht, greift sich ein Croissant aus dem Korb, geht rüber ins Wohnzimmer, dreht laut Musik auf und beginnt zu tanzen.