Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Zeig mal
Schon früher auf dem Schulhof hat es begonnen: Man ließ sich nur allzu gern für die tollen kleinen Neuerwerbungen bewundern. Tage zuvor hatte man die Neugier der anderen bereits geschürt, von den vielen Möglichkeiten, den irren Effekten und Varianten geschwärmt, die dieses neue Spielzeug mit sich brachte. Sei es ein Flummi, ein brandneues Autoquartett, eine besonders echt aussehende Wasserpistole oder sogar ein kleines echtes Walkie-Talkie.
„Bring’s mal mit, los, zeig doch mal!“, hieß es dann, und alle Köpfe drängten sich um das groß angekündigte Objekt, wenn es endlich so weit war. Auch wenn es oft vorkam, dass bei der ersten Vorführung noch nicht alles richtig funktionierte oder schon das eine oder andere Teil kaputt war: Allein die angekündigte Attraktion hatte sich bereits gelohnt.
Viele Jahre später scheint es nicht viel anders zu sein, wenn ein Firmenkollege von seinem neuen Eigenheim schwärmt, das gerade fertig geworden ist und nun endlich besichtigt werden kann. In der ersten Hälfte des Rundgangs verweist der Gastgeber noch auf die vielen raffinierten Details, die großzügige Gestaltung, die nachhaltige Energiebilanz und den vielen Raum, der einem hier geboten wird. Alles in allem eine Meisterleistung eines noch ganz jungen Architektenteams.
Danach müssen allerdings einige Mängel eingeräumt werden. So hängt die geniale Dach- und Außenwandbegrünung bereits vollkommen vertrocknet herunter. Das Bewässerungssystem ist raffinierterweise mit der Fußbodenheizung gekoppelt, die hat aber nicht genug Druck auf der Leitung, weil im Hochsommer natürlich nicht geheizt wird. Nicht viel anders beim Wintergarten, der sich gerade auf 50 Grad aufgeheizt hat. Er lässt sich momentan nicht beschatten, weil die eingebaute Automatik nicht per Hand bedient werden kann und die Programmierung wahnsinnig kompliziert ist, beziehungsweise man noch auf ein Softwareupdate wartet.
„Zeig doch mal die Fotos, wie der Wintergarten aussähe, wenn die Beschattung funktionieren würde“, schlägt die Gattin vor.
Genau an diesem Punkt können die Besucher auf die Vorteile ihrer Altbauwohnung in der Stadt verweisen, die sie ihr Eigen nennen. Natürlich wird sofort eine Gegeneinladung ausgesprochen, und zwei Wochen später ist es so weit. 144 Quadratmeter Altbau in bester Lage: hohe Decken, hohe Fenster, ein Erker, viel Stuck, noch echter Parkettfußboden. Atmosphäre, Flair, Charme, unübertrefflich. Darin ist man sich einig, bis die Energiefrage aufkommt. Hier ist natürlich nicht alles auf dem neuesten Stand. Und bei näherer Betrachtung der Fenster werden einige Stilbrüche sichtbar: Die von der Bundesbahn finanzierte Doppelverglasung als Ausgleich zum steigenden Zugverkehr vor dem Haus kennt nur die Variante „Standard“.
Dass im Hochsommer im Wohnzimmer die Deckenbeleuchtung brennt, ist dem hohen Baumbewuchs vor und hinter dem Haus geschuldet. Ökologisch ein Segen, ein wichtiger Hitzeausgleich in der Stadt, aber ein bisschen mehr natürliches Licht wäre auch nicht verkehrt. Wie schön war doch alles, als sie vor über 33 Jahren eingezogen sind. Weder die Wohnraumverdichtung im hinteren Gartenbereich noch die hohen Kastanien waren damals zu erahnen.
„Zeig mal die Fotos, die wir kurz nach dem Einzug gemacht haben“, ruft die Gattin aus der Küche.
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Zeig mal
Schon früher auf dem Schulhof hat es begonnen: Man ließ sich nur allzu gern für die tollen kleinen Neuerwerbungen bewundern. Tage zuvor hatte man die Neugier der anderen bereits geschürt, von den vielen Möglichkeiten, den irren Effekten und Varianten geschwärmt, die dieses neue Spielzeug mit sich brachte. Sei es ein Flummi, ein brandneues Autoquartett, eine besonders echt aussehende Wasserpistole oder sogar ein kleines echtes Walkie-Talkie.
„Bring’s mal mit, los, zeig doch mal!“, hieß es dann, und alle Köpfe drängten sich um das groß angekündigte Objekt, wenn es endlich so weit war. Auch wenn es oft vorkam, dass bei der ersten Vorführung noch nicht alles richtig funktionierte oder schon das eine oder andere Teil kaputt war: Allein die angekündigte Attraktion hatte sich bereits gelohnt.
Viele Jahre später scheint es nicht viel anders zu sein, wenn ein Firmenkollege von seinem neuen Eigenheim schwärmt, das gerade fertig geworden ist und nun endlich besichtigt werden kann. In der ersten Hälfte des Rundgangs verweist der Gastgeber noch auf die vielen raffinierten Details, die großzügige Gestaltung, die nachhaltige Energiebilanz und den vielen Raum, der einem hier geboten wird. Alles in allem eine Meisterleistung eines noch ganz jungen Architektenteams.
Danach müssen allerdings einige Mängel eingeräumt werden. So hängt die geniale Dach- und Außenwandbegrünung bereits vollkommen vertrocknet herunter. Das Bewässerungssystem ist raffinierterweise mit der Fußbodenheizung gekoppelt, die hat aber nicht genug Druck auf der Leitung, weil im Hochsommer natürlich nicht geheizt wird. Nicht viel anders beim Wintergarten, der sich gerade auf 50 Grad aufgeheizt hat. Er lässt sich momentan nicht beschatten, weil die eingebaute Automatik nicht per Hand bedient werden kann und die Programmierung wahnsinnig kompliziert ist, beziehungsweise man noch auf ein Softwareupdate wartet.
„Zeig doch mal die Fotos, wie der Wintergarten aussähe, wenn die Beschattung funktionieren würde“, schlägt die Gattin vor.
Genau an diesem Punkt können die Besucher auf die Vorteile ihrer Altbauwohnung in der Stadt verweisen, die sie ihr Eigen nennen. Natürlich wird sofort eine Gegeneinladung ausgesprochen, und zwei Wochen später ist es so weit. 144 Quadratmeter Altbau in bester Lage: hohe Decken, hohe Fenster, ein Erker, viel Stuck, noch echter Parkettfußboden. Atmosphäre, Flair, Charme, unübertrefflich. Darin ist man sich einig, bis die Energiefrage aufkommt. Hier ist natürlich nicht alles auf dem neuesten Stand. Und bei näherer Betrachtung der Fenster werden einige Stilbrüche sichtbar: Die von der Bundesbahn finanzierte Doppelverglasung als Ausgleich zum steigenden Zugverkehr vor dem Haus kennt nur die Variante „Standard“.
Dass im Hochsommer im Wohnzimmer die Deckenbeleuchtung brennt, ist dem hohen Baumbewuchs vor und hinter dem Haus geschuldet. Ökologisch ein Segen, ein wichtiger Hitzeausgleich in der Stadt, aber ein bisschen mehr natürliches Licht wäre auch nicht verkehrt. Wie schön war doch alles, als sie vor über 33 Jahren eingezogen sind. Weder die Wohnraumverdichtung im hinteren Gartenbereich noch die hohen Kastanien waren damals zu erahnen.
„Zeig mal die Fotos, die wir kurz nach dem Einzug gemacht haben“, ruft die Gattin aus der Küche.