Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Wissen Sie, was hier los ist?
Vielleicht denken Sie, jetzt rede ich von Jahresabschlüssen in Unternehmen, Banken, Kanzleien, Praxen, Steuerberaterbüros, von überfüllten Notaufnahmen an Feiertagen, von überarbeiteten Verwaltungsangestellten in Jobcentern und Bürgerämtern, von Räumungsverkäufen und Sonderangebotsaktionen, von reihenweisen Verspätungen des öffentlichen Nahverkehrs und kilometerlangen Autobahnstaus bei beginnenden Sommerferien, von nächtlichen und lauten Luftangriffen in Kriegsgebieten oder von sonstigem Irrsinn, Bedrohlichen, Beängstigendem.
Oh, da muss ich Sie enttäuschen. Denn ich habe mich in letzter Zeit von all dem da draußen doch immer mehr zurückgezogen, ob aus Schutzbedürfnis, Feig- oder Klugheit kann ich gar nicht sagen. Ich weiß nur, dass es irgendwann nicht mehr ging, dass ich nichts mehr aufnehmen konnte, sonst wäre ich regelrecht geplatzt im Hirn und im Leib, vom Dach gesprungen oder ins Wasser gegangen. Wobei mir Letzteres das Schwierigste schien, und je mehr ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir auf einmal der Gedanke, mich meines Lebens zu berauben, bloß weil es da draußen so viele Spinner und Kranke gibt, die meinen, die Welt ihren Vorstellungen und Regeln unterwerfen zu müssen.
Nein, nicht mit mir. Ich bin Bibliothekar in der hiesigen Stadtbibliothek, kenne mich sehr gut mit Geschichte und anderen Kulturen aus und möchte immer weniger mit der heutigen Zeit zu tun haben, und so habe ich begonnen, nach meiner Arbeit und am Wochenende auf den nahegelegenen Friedhof zu gehen.
Hohe Bäume und dichte Büsche, gepflegte Gräber, die meisten zumindest, wenige Menschen, eine wunderbare Abwechslung von dichten Grabreihen, weite Flächen für anonyme Sammelgräber und immer wieder überraschende, schöne Sichtachsen. Viel gelebtes Leben hier. Jede Menge Sitzbänke, eine ist mir die liebste geworden. Hier sitze ich dann, eigentlich bei Wind und Wetter und komme schön langsam runter. Und schon springt das Eichhörnchen her, das eine, das ich Milda nenne, und dann kommt schon das andere, etwas Größere, dass ich Tosca nenne. So hieß meine Urgroßmutter, Milda Tosca, die ich sehr geliebt habe als Kind. Und ich habe natürlich immer ungeschälte Erdnüsse in meinem Rucksack und werfe sie ihnen hin. Sie sehen mich mit ihren braunen Knopfaugen an, und ich denke, sie erkennen mich, wie ich sie auch. Dann kommen noch ein paar andere dazu, die ich nicht wirklich auseinanderhalten kann, aber was soll‘s. Und Spatzen, Amseln, Meisen, Krähen und Tauben sind sowieso immer da, Insekten und hin und wieder auch ein Fuchs, ein ganz schmaler Fuchs, den ich Emil nenne.
Ganz schön viel Betrieb hier, denke ich manchmal, doch der gefällt mir und beruhigt mich. Es werden immer mehr Tiere, die sich hier sammeln, und Milda und Tosca denken sich das vielleicht auch, denn sie bleiben immer in meiner Nähe.
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Wissen Sie, was hier los ist?
Vielleicht denken Sie, jetzt rede ich von Jahresabschlüssen in Unternehmen, Banken, Kanzleien, Praxen, Steuerberaterbüros, von überfüllten Notaufnahmen an Feiertagen, von überarbeiteten Verwaltungsangestellten in Jobcentern und Bürgerämtern, von Räumungsverkäufen und Sonderangebotsaktionen, von reihenweisen Verspätungen des öffentlichen Nahverkehrs und kilometerlangen Autobahnstaus bei beginnenden Sommerferien, von nächtlichen und lauten Luftangriffen in Kriegsgebieten oder von sonstigem Irrsinn, Bedrohlichen, Beängstigendem.
Oh, da muss ich Sie enttäuschen. Denn ich habe mich in letzter Zeit von all dem da draußen doch immer mehr zurückgezogen, ob aus Schutzbedürfnis, Feig- oder Klugheit kann ich gar nicht sagen. Ich weiß nur, dass es irgendwann nicht mehr ging, dass ich nichts mehr aufnehmen konnte, sonst wäre ich regelrecht geplatzt im Hirn und im Leib, vom Dach gesprungen oder ins Wasser gegangen. Wobei mir Letzteres das Schwierigste schien, und je mehr ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir auf einmal der Gedanke, mich meines Lebens zu berauben, bloß weil es da draußen so viele Spinner und Kranke gibt, die meinen, die Welt ihren Vorstellungen und Regeln unterwerfen zu müssen.
Nein, nicht mit mir. Ich bin Bibliothekar in der hiesigen Stadtbibliothek, kenne mich sehr gut mit Geschichte und anderen Kulturen aus und möchte immer weniger mit der heutigen Zeit zu tun haben, und so habe ich begonnen, nach meiner Arbeit und am Wochenende auf den nahegelegenen Friedhof zu gehen.
Hohe Bäume und dichte Büsche, gepflegte Gräber, die meisten zumindest, wenige Menschen, eine wunderbare Abwechslung von dichten Grabreihen, weite Flächen für anonyme Sammelgräber und immer wieder überraschende, schöne Sichtachsen. Viel gelebtes Leben hier. Jede Menge Sitzbänke, eine ist mir die liebste geworden. Hier sitze ich dann, eigentlich bei Wind und Wetter und komme schön langsam runter. Und schon springt das Eichhörnchen her, das eine, das ich Milda nenne, und dann kommt schon das andere, etwas Größere, dass ich Tosca nenne. So hieß meine Urgroßmutter, Milda Tosca, die ich sehr geliebt habe als Kind. Und ich habe natürlich immer ungeschälte Erdnüsse in meinem Rucksack und werfe sie ihnen hin. Sie sehen mich mit ihren braunen Knopfaugen an, und ich denke, sie erkennen mich, wie ich sie auch. Dann kommen noch ein paar andere dazu, die ich nicht wirklich auseinanderhalten kann, aber was soll‘s. Und Spatzen, Amseln, Meisen, Krähen und Tauben sind sowieso immer da, Insekten und hin und wieder auch ein Fuchs, ein ganz schmaler Fuchs, den ich Emil nenne.
Ganz schön viel Betrieb hier, denke ich manchmal, doch der gefällt mir und beruhigt mich. Es werden immer mehr Tiere, die sich hier sammeln, und Milda und Tosca denken sich das vielleicht auch, denn sie bleiben immer in meiner Nähe.