Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Wartezimmer
„Dann nehmen Sie doch bitte noch mal im Wartezimmer Platz.“ Ich frage mich, wie lange es diesen Satz schon gibt. Immer gleich formuliert. Jeder kennt ihn. Gut, vielleicht bis auf die wenigen Privilegierten, die nie warten müssen. Dann folgt der Moment, in dem man die Tür zum Wartezimmer öffnet. Das ist es also, was mich in der nächsten Stunde erwartet. Immer wieder bin ich erstaunt, wie klein, dunkel und schmal viele Wartezimmer noch sind. Wie aus der Erinnerung meiner frühen Kindheit. Ich sehe regungslose Gesichter und werde selbst neugierig gemustert.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, mit einem lauten „Hallo, das ist ja schön, noch einer! Setz dich doch zu uns!“ empfangen zu werden. Stattdessen spüre ich oft ein stummes „Was will der hier?“ So denken vermutlich vor allem jene, die ohne Termin dazwischengeschoben wurden, mit dem Satz: „Aber bringen Sie bitte viel Zeit mit.“ Ich habe einen Termin. Und frage mich trotzdem, bei all den Wartenden: Wie weit ist der Arzt im Verzug?
Früher überwachte man die Reihenfolge selbst. Dann kam der berühmte Satz: „Der Nächste bitte.“ Heute ist alles irgendwie festgelegt. Um so mehr Raum für Spekulationen: Warum wird jemand, der gerade erst gekommen ist, sofort aufgerufen? Ein Verwandter des Arztes? Ein Bekannter aus dem Golfclub? Oder eine besonders ansteckende, bedrohliche Variante?
Zugegeben: Insgesamt hat sich das mit überfüllten Wartezimmern im digitalen Zeitalter verbessert. Aber immer noch bleibt Zeit, über die Lebensschicksale und Leiden der anderen nachzudenken. Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Nervosität, das alles lässt Schlüsse zu. Routinekontrolle? Eine längst diagnostizierte Krankheit, die einen zum Stammgast werden lässt? Plötzlich auftretende Schmerzen, bei denen das Allerschlimmste noch nicht ausgeschlossen ist? Oder das Wartezimmer als Zentrale, von der aus alles organisiert werden muss, weil gerade nichts nach Plan läuft. Im Gegensatz zu jenen, für die zwei, drei Arztbesuche pro Woche zur Normalität gehören.
Gespräche, aus denen sich etwas schließen ließe, sind selten. Die meisten sind in eine Illustrierte oder ihr Handy vertieft. Was sie dort beschäftigt, bleibt meiner Fantasie überlassen. Vielleicht lenken sie sich gerade mit den Schicksalen anderer Prominenter Menschen ab. Oder schauen Videoclips von Zugunglücken. Oder süße Hunde und Katzen, die sich gegenseitig aus dem Schlamassel helfen. Das hilft, kurzfristig. In jeder Praxis. Egal ob Urologie, Kardiologie oder Onkologie. Aber auch auf Arbeits-, Bürger- oder Rentenämtern.
Irgendwann bin ich selbst dran. Ein letzter Blick zu den Zurückbleibenden, der sagen soll: „Euch auch noch alles Gute.“ Für einen Moment spüre ich unendliche Freiheit. Dann schleiche ich in Behandlungszimmer 4, hinten rechts und warte eine weitere halbe Stunde.
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Wartezimmer
„Dann nehmen Sie doch bitte noch mal im Wartezimmer Platz.“ Ich frage mich, wie lange es diesen Satz schon gibt. Immer gleich formuliert. Jeder kennt ihn. Gut, vielleicht bis auf die wenigen Privilegierten, die nie warten müssen. Dann folgt der Moment, in dem man die Tür zum Wartezimmer öffnet. Das ist es also, was mich in der nächsten Stunde erwartet. Immer wieder bin ich erstaunt, wie klein, dunkel und schmal viele Wartezimmer noch sind. Wie aus der Erinnerung meiner frühen Kindheit. Ich sehe regungslose Gesichter und werde selbst neugierig gemustert.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, mit einem lauten „Hallo, das ist ja schön, noch einer! Setz dich doch zu uns!“ empfangen zu werden. Stattdessen spüre ich oft ein stummes „Was will der hier?“ So denken vermutlich vor allem jene, die ohne Termin dazwischengeschoben wurden, mit dem Satz: „Aber bringen Sie bitte viel Zeit mit.“ Ich habe einen Termin. Und frage mich trotzdem, bei all den Wartenden: Wie weit ist der Arzt im Verzug?
Früher überwachte man die Reihenfolge selbst. Dann kam der berühmte Satz: „Der Nächste bitte.“ Heute ist alles irgendwie festgelegt. Um so mehr Raum für Spekulationen: Warum wird jemand, der gerade erst gekommen ist, sofort aufgerufen? Ein Verwandter des Arztes? Ein Bekannter aus dem Golfclub? Oder eine besonders ansteckende, bedrohliche Variante?
Zugegeben: Insgesamt hat sich das mit überfüllten Wartezimmern im digitalen Zeitalter verbessert. Aber immer noch bleibt Zeit, über die Lebensschicksale und Leiden der anderen nachzudenken. Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Nervosität, das alles lässt Schlüsse zu. Routinekontrolle? Eine längst diagnostizierte Krankheit, die einen zum Stammgast werden lässt? Plötzlich auftretende Schmerzen, bei denen das Allerschlimmste noch nicht ausgeschlossen ist? Oder das Wartezimmer als Zentrale, von der aus alles organisiert werden muss, weil gerade nichts nach Plan läuft. Im Gegensatz zu jenen, für die zwei, drei Arztbesuche pro Woche zur Normalität gehören.
Gespräche, aus denen sich etwas schließen ließe, sind selten. Die meisten sind in eine Illustrierte oder ihr Handy vertieft. Was sie dort beschäftigt, bleibt meiner Fantasie überlassen. Vielleicht lenken sie sich gerade mit den Schicksalen anderer Prominenter Menschen ab. Oder schauen Videoclips von Zugunglücken. Oder süße Hunde und Katzen, die sich gegenseitig aus dem Schlamassel helfen. Das hilft, kurzfristig. In jeder Praxis. Egal ob Urologie, Kardiologie oder Onkologie. Aber auch auf Arbeits-, Bürger- oder Rentenämtern.
Irgendwann bin ich selbst dran. Ein letzter Blick zu den Zurückbleibenden, der sagen soll: „Euch auch noch alles Gute.“ Für einen Moment spüre ich unendliche Freiheit. Dann schleiche ich in Behandlungszimmer 4, hinten rechts und warte eine weitere halbe Stunde.