Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Unterbrochen
Natürlich weiß sie, welcher Tag heute ist, sie weiß es genau. Obwohl sie zum ersten Mal nicht mehr das tun wird, was sie jahrelang wie selbstverständlich gemacht hat. Gratulieren. Das ist vorbei. Erstmal. Vielleicht auch nicht, vielleicht für immer. Wer weiß das schon? Doch, es ist vorbei. Da ist sie sich sicher. Heute ist es das erste Mal, dass sie zwar an sie denkt, aber nicht mehr gratulieren wird. Es ist besser so.
Marlene wird so oder so weiterhin sauer auf sie sein. War und ist sie vermutlich schon ihr ganzes Leben als jüngere Schwester. Konnte der Älteren nie das Wasser reichen, fühlte sich immer benachteiligt, von den Eltern und der Schwester, später dann von Lehrer- und KollegInnen, Chefs und Männern, und nun auch vom Staat. Lebt zum Glück in einer anderen Stadt, so dass keine Gefahr besteht, ihr zufällig zu begegnen.
Für Mutter ist es natürlich entsetzlich, dass sich ihre Töchter nicht verstehen, noch nie gut verstanden haben. Deshalb hat Charlotte ihr auch nur gesagt, dass sie gerade keinen Kontakt zu Marlene hat. Sie ist bis heute einfach zu feige, ihr die Wahrheit zu sagen. Nur ihr lieber Konrad weiß Bescheid. Sie selbst würde leiden wie ein Hund, wenn sich ihre Kinder so entzweien würden.
Letztes Jahr lief das Fass endgültig über. Zu allen bekannten Vorwürfen und ewigem Neid – 'immer würdest du bevorzugt und gefördert, nie kümmerst du dich um mich, dir fällt immer alles leicht, du hast vielmehr Glück im Leben, du mit deinem tollen Mann und Job, deiner Familie und Wohnung, deinen Möglichkeiten' – kamen im letzten Jahr unverhohlene Häme und Gier. Fast schien sie sich darüber zu freuen, dass Max irgendwie abgetaucht ist und womöglich mit seinem Studium nicht weiterkommt, dass sich Carla der Wohlstandgesellschaft abwendet. Und Minijob, Bürger- und Wohngeld reichen auch nicht mehr fürs Leben aus, wie sie im letzten Telefonat gejammert und sie um Geld gebeten hat, am liebsten als monatliche Überweisung. Dabei unterstützt Mutter sie schon seit Jahren.
Nein, sie wird ihr heute nicht gratulieren, auf keinen Fall. Das wäre ja wie ein Eingeständnis, dann kann sie gleich den Dauerauftrag einrichten. Nein, sie wird nicht anrufen. Cut. Verbindung unterbrochen. Seit elf Monaten hat sie sich nicht mehr gemeldet, nur Konrad weiß Bescheid.
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Unterbrochen
Natürlich weiß sie, welcher Tag heute ist, sie weiß es genau. Obwohl sie zum ersten Mal nicht mehr das tun wird, was sie jahrelang wie selbstverständlich gemacht hat. Gratulieren. Das ist vorbei. Erstmal. Vielleicht auch nicht, vielleicht für immer. Wer weiß das schon? Doch, es ist vorbei. Da ist sie sich sicher. Heute ist es das erste Mal, dass sie zwar an sie denkt, aber nicht mehr gratulieren wird. Es ist besser so.
Marlene wird so oder so weiterhin sauer auf sie sein. War und ist sie vermutlich schon ihr ganzes Leben als jüngere Schwester. Konnte der Älteren nie das Wasser reichen, fühlte sich immer benachteiligt, von den Eltern und der Schwester, später dann von Lehrer- und KollegInnen, Chefs und Männern, und nun auch vom Staat. Lebt zum Glück in einer anderen Stadt, so dass keine Gefahr besteht, ihr zufällig zu begegnen.
Für Mutter ist es natürlich entsetzlich, dass sich ihre Töchter nicht verstehen, noch nie gut verstanden haben. Deshalb hat Charlotte ihr auch nur gesagt, dass sie gerade keinen Kontakt zu Marlene hat. Sie ist bis heute einfach zu feige, ihr die Wahrheit zu sagen. Nur ihr lieber Konrad weiß Bescheid. Sie selbst würde leiden wie ein Hund, wenn sich ihre Kinder so entzweien würden.
Letztes Jahr lief das Fass endgültig über. Zu allen bekannten Vorwürfen und ewigem Neid – 'immer würdest du bevorzugt und gefördert, nie kümmerst du dich um mich, dir fällt immer alles leicht, du hast vielmehr Glück im Leben, du mit deinem tollen Mann und Job, deiner Familie und Wohnung, deinen Möglichkeiten' – kamen im letzten Jahr unverhohlene Häme und Gier. Fast schien sie sich darüber zu freuen, dass Max irgendwie abgetaucht ist und womöglich mit seinem Studium nicht weiterkommt, dass sich Carla der Wohlstandgesellschaft abwendet. Und Minijob, Bürger- und Wohngeld reichen auch nicht mehr fürs Leben aus, wie sie im letzten Telefonat gejammert und sie um Geld gebeten hat, am liebsten als monatliche Überweisung. Dabei unterstützt Mutter sie schon seit Jahren.
Nein, sie wird ihr heute nicht gratulieren, auf keinen Fall. Das wäre ja wie ein Eingeständnis, dann kann sie gleich den Dauerauftrag einrichten. Nein, sie wird nicht anrufen. Cut. Verbindung unterbrochen. Seit elf Monaten hat sie sich nicht mehr gemeldet, nur Konrad weiß Bescheid.