Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Unterbrochen
1
Er hat lange genug warten müssen. Aber dann kommt tatsächlich ein Kundenberater auf ihn zu; „So, was kann ich für Sie tun?“ Wie sehr hat er auf diesen Moment gehofft, endlich seinen Ärger und Frust loswerden zu können. Von Auge zu Auge, und nicht an der Hotline mit jemandem aus Südindien. Er will gerade beginnen, die Liste der Störungen und Mängel, als der Kundenberater ihn freundlich, aber bestimmt zunächst mal nach seinen Sicherheitscode, PIN und der Kundennummer fragt. Daran soll es nicht scheitern, er ist vorbereitet. Als er fortfahren möchte, werden ihm allerdings weitere Gegenfragen gestellt, bevor er auch nur eine Frage loswerden kann: „ Besteht das Problem denn schon lange … wie oft … regelmäßige Updates … sind andere Benutzer dabei… haben Sie mal in die Einstellungen geschaut … scannen Sie regelmäßig … ?“ Nach zehn Minuten hat er nur noch das Gefühl, für alle Störungen selber verantwortlich zu sein. Da werden sie aber auch schon von einem Kollegen unterbrochen, der mal kurz Hilfe am Nebentisch braucht.
2
Es ist recht voll, sie haben den letzten Tisch am Rand ergattern können und nach längerem Warten sogar schon bestellt. Aber bis die ersten Vorspeisen kommen vergeht einige Zeit. Sie sind schnell in ein Gespräch eingetaucht, sie haben sich lange nicht gesehen. Da unterbricht der Kellner ganz kurz. Einer der beiden Vorspeisen ist leider nicht mehr vorrätig. Es muss in der Speisekarte nach etwas anderem gesucht werden . Dann kann das Gespräch fortgeführt werden. Als die Vorspeisen kommen, sind einige Umbauarbeiten am Tisch nötig. Gläser, Flaschen, Kerzen, Blumenvase, Handys, Brillenetuis werden neu sortiert. Sie wollen gerade ihr Gespräch wieder aufgreifen, da steht ein älterer Herr an ihren Tisch. „Jetzt muss ich mal fragen, Rüdiger, bist du es?“ Tatsächlich, ein ehemaliger Mitbewohner und späterer Kollege aus früheren Zeiten. „Nicht zu fassen.“ Kurz werden die nötigsten Veränderungen der letzten 20 Jahre ausgetauscht, doch spätestens nach dieser Unterbrechung verläuft das ursprüngliche Gespräch im Sande.
3
Tägliche Fernsehunterhaltung, vertrautes Personal, Männer wie Frauen, als Kriminalkommissar, Arzt, Anwalt, Pilot oder Kapitän. Alles heldenhafte Berufe, und es gibt sie immer noch. Und immer noch stehen die Guten den Bösen gegenüber. Doch auch Helden und Heldinnen unterliegen immer wieder gutgläubig dem Charme böser Menschen, ja sind sogar in neuester Zeit geneigt, mit dem einen oder anderen ins Bett zu gehen. Der Zuschauer denkt noch: „Nein, bloß nicht, doch da wird schon geknutscht und es werden die ersten Kleidungsstücke abgelegt. Nichts scheint mehr das sich anbahnende Drama abwenden zu können, gäbe es da nicht Handys. Ein leises, aber durchdringendes Klingeln, der verantwortungsvolle Held oder Heldin muss drangehen. Und dann glücklicherweise ein neuer Einsatz. Sofort wieder anziehen und los. Noch mal gut gegangen.
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Unterbrochen
1
Er hat lange genug warten müssen. Aber dann kommt tatsächlich ein Kundenberater auf ihn zu; „So, was kann ich für Sie tun?“ Wie sehr hat er auf diesen Moment gehofft, endlich seinen Ärger und Frust loswerden zu können. Von Auge zu Auge, und nicht an der Hotline mit jemandem aus Südindien. Er will gerade beginnen, die Liste der Störungen und Mängel, als der Kundenberater ihn freundlich, aber bestimmt zunächst mal nach seinen Sicherheitscode, PIN und der Kundennummer fragt. Daran soll es nicht scheitern, er ist vorbereitet. Als er fortfahren möchte, werden ihm allerdings weitere Gegenfragen gestellt, bevor er auch nur eine Frage loswerden kann: „ Besteht das Problem denn schon lange … wie oft … regelmäßige Updates … sind andere Benutzer dabei… haben Sie mal in die Einstellungen geschaut … scannen Sie regelmäßig … ?“ Nach zehn Minuten hat er nur noch das Gefühl, für alle Störungen selber verantwortlich zu sein. Da werden sie aber auch schon von einem Kollegen unterbrochen, der mal kurz Hilfe am Nebentisch braucht.
2
Es ist recht voll, sie haben den letzten Tisch am Rand ergattern können und nach längerem Warten sogar schon bestellt. Aber bis die ersten Vorspeisen kommen vergeht einige Zeit. Sie sind schnell in ein Gespräch eingetaucht, sie haben sich lange nicht gesehen. Da unterbricht der Kellner ganz kurz. Einer der beiden Vorspeisen ist leider nicht mehr vorrätig. Es muss in der Speisekarte nach etwas anderem gesucht werden . Dann kann das Gespräch fortgeführt werden. Als die Vorspeisen kommen, sind einige Umbauarbeiten am Tisch nötig. Gläser, Flaschen, Kerzen, Blumenvase, Handys, Brillenetuis werden neu sortiert. Sie wollen gerade ihr Gespräch wieder aufgreifen, da steht ein älterer Herr an ihren Tisch. „Jetzt muss ich mal fragen, Rüdiger, bist du es?“ Tatsächlich, ein ehemaliger Mitbewohner und späterer Kollege aus früheren Zeiten. „Nicht zu fassen.“ Kurz werden die nötigsten Veränderungen der letzten 20 Jahre ausgetauscht, doch spätestens nach dieser Unterbrechung verläuft das ursprüngliche Gespräch im Sande.
3
Tägliche Fernsehunterhaltung, vertrautes Personal, Männer wie Frauen, als Kriminalkommissar, Arzt, Anwalt, Pilot oder Kapitän. Alles heldenhafte Berufe, und es gibt sie immer noch. Und immer noch stehen die Guten den Bösen gegenüber. Doch auch Helden und Heldinnen unterliegen immer wieder gutgläubig dem Charme böser Menschen, ja sind sogar in neuester Zeit geneigt, mit dem einen oder anderen ins Bett zu gehen. Der Zuschauer denkt noch: „Nein, bloß nicht, doch da wird schon geknutscht und es werden die ersten Kleidungsstücke abgelegt. Nichts scheint mehr das sich anbahnende Drama abwenden zu können, gäbe es da nicht Handys. Ein leises, aber durchdringendes Klingeln, der verantwortungsvolle Held oder Heldin muss drangehen. Und dann glücklicherweise ein neuer Einsatz. Sofort wieder anziehen und los. Noch mal gut gegangen.