Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Stillhalten
Anscheinend nur eine Kleinigkeit, nahezu nebensächlich, neben vielen anderen wichtigen Dingen des Lebens, die es zu lernen gilt. Etwas, von dem es heißt, es komme mit dem Heranwachsen ganz von selbst: „Halt mal still, du bist doch jetzt schon groß. Schreiben, Rechnen, Hausaufgaben – alles verlangt Stillhalten.“
Doch begonnen hat es schon viel früher, in den frühesten Kindertagen. Beim Mittagsschlaf, wenn Eltern oder Großeltern sich hinlegen. Eine Stunde am Tag, in der mir überhaupt nicht nach Ruhe war. Da ist Ablenkung gefragt. Es beginnt mit der Kinderstunde im Radio, später kommt das Fernsehen dazu. Noch später folgen Kinderhörspielkassetten, CD-Player mit kleinem Monitor für die Reise zwischendurch.
Der Drang, selbst etwas mit Händen und Fingern zu machen, sich zu bewegen, war noch da. Mit Spielzeugautos, Plastikfigürchen, selbst gebauten Garagen und Tankstellen auf Teppichmustern in eine andere Welt abtauchen. Dazu Motorgeräusche, Gespräche, Dialoge – und wieder die Aufforderung, still zu sein. Dann doch lieber Unterhaltung aus der Medienkonserve, zuhören, ohne herumzuzappeln. Später geht es beim Friseur oder Arztbesuch weiter. Fürs Stillhalten gibt es vielleicht ein Bonbon, vor allem aber ein Lob. Vielleicht wird man sogar als Vorbild für kleinere Geschwister oder andere Kinder hingestellt: Guck mal, wie schön der still sitzen kann.
Stillhaltenkönnen, ein Erziehungsprogramm in mehreren Schwierigkeitsstufen: im Kindergarten, in der Schule, auf Kirchenbänken, in der Schulaula, bei Feiern der Erwachsenen und vielem mehr. Auch wenn es anfangs noch spannend sein mag, irgendwann kommt es zu Längen, es zieht sich. Und immer noch ist Nichtbewegen angesagt. Stillhalten von Beinen und Armen, alles beginnt man zu spüren: Sitzfläche, Stuhllehne, Sitznachbarn. Die Aufmerksamkeit für das vorne, das eigentlich Wichtige, ist längst verschwunden.
Das Stillhalten-Können, immer schon ein Kennzeichen der Bessergestellten, der gutbürgerlichen Herkunft. Vielleicht sogar: Je erfolgreicher, je bedeutender die Eltern, das Elternhaus, desto größer der Zwang zum Stillhalten. Wenn der Vater spricht, wenn die Mutter Gäste empfängt, bei Hauskonzerten, Lesungen, Ansprachen, wenn man in teuren Restaurants aufs Essen wartet. Und die besseren und längeren Bildungswege haben immer mit Stillhalten zu tun: im Klassenzimmer, in der Musikschule, später in Hörsälen, Seminarräumen, Besprechungs- und Konferenzräumen, bei Podiumsdiskussionen und Tagungen.
Und wenn es dann zum Burnout kommt, waren die vielen Stillhaltesituationen nicht ganz unbeteiligt. Besser überhören und nichts sagen, statt sich zu ärgern; besser sich nichts anmerken lassen, statt Aufsehen zu erregen; besser gleicher Meinung sein, statt zu widersprechen. Und in der anschließenden Reha ist wieder vor allem eines angesagt: Ruhe. Entspannungstechniken, Yogastunden, Meditation und vieles mehr. Wenn dann noch die größte Strafe verordnet wird, wird es kritisch: Digital Detox. Denn ohne das Handy als Stillhaltehilfe im Taschenformat geht es gar nicht. Mit dem kleinen Gerät in der Hand, den Stöpseln im Ohr, ist Stillhalten wenigstens ansatzweise auszuhalten.
Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Stillhalten
Anscheinend nur eine Kleinigkeit, nahezu nebensächlich, neben vielen anderen wichtigen Dingen des Lebens, die es zu lernen gilt. Etwas, von dem es heißt, es komme mit dem Heranwachsen ganz von selbst: „Halt mal still, du bist doch jetzt schon groß. Schreiben, Rechnen, Hausaufgaben – alles verlangt Stillhalten.“
Doch begonnen hat es schon viel früher, in den frühesten Kindertagen. Beim Mittagsschlaf, wenn Eltern oder Großeltern sich hinlegen. Eine Stunde am Tag, in der mir überhaupt nicht nach Ruhe war. Da ist Ablenkung gefragt. Es beginnt mit der Kinderstunde im Radio, später kommt das Fernsehen dazu. Noch später folgen Kinderhörspielkassetten, CD-Player mit kleinem Monitor für die Reise zwischendurch.
Der Drang, selbst etwas mit Händen und Fingern zu machen, sich zu bewegen, war noch da. Mit Spielzeugautos, Plastikfigürchen, selbst gebauten Garagen und Tankstellen auf Teppichmustern in eine andere Welt abtauchen. Dazu Motorgeräusche, Gespräche, Dialoge – und wieder die Aufforderung, still zu sein. Dann doch lieber Unterhaltung aus der Medienkonserve, zuhören, ohne herumzuzappeln. Später geht es beim Friseur oder Arztbesuch weiter. Fürs Stillhalten gibt es vielleicht ein Bonbon, vor allem aber ein Lob. Vielleicht wird man sogar als Vorbild für kleinere Geschwister oder andere Kinder hingestellt: Guck mal, wie schön der still sitzen kann.
Stillhaltenkönnen, ein Erziehungsprogramm in mehreren Schwierigkeitsstufen: im Kindergarten, in der Schule, auf Kirchenbänken, in der Schulaula, bei Feiern der Erwachsenen und vielem mehr. Auch wenn es anfangs noch spannend sein mag, irgendwann kommt es zu Längen, es zieht sich. Und immer noch ist Nichtbewegen angesagt. Stillhalten von Beinen und Armen, alles beginnt man zu spüren: Sitzfläche, Stuhllehne, Sitznachbarn. Die Aufmerksamkeit für das vorne, das eigentlich Wichtige, ist längst verschwunden.
Das Stillhalten-Können, immer schon ein Kennzeichen der Bessergestellten, der gutbürgerlichen Herkunft. Vielleicht sogar: Je erfolgreicher, je bedeutender die Eltern, das Elternhaus, desto größer der Zwang zum Stillhalten. Wenn der Vater spricht, wenn die Mutter Gäste empfängt, bei Hauskonzerten, Lesungen, Ansprachen, wenn man in teuren Restaurants aufs Essen wartet. Und die besseren und längeren Bildungswege haben immer mit Stillhalten zu tun: im Klassenzimmer, in der Musikschule, später in Hörsälen, Seminarräumen, Besprechungs- und Konferenzräumen, bei Podiumsdiskussionen und Tagungen.
Und wenn es dann zum Burnout kommt, waren die vielen Stillhaltesituationen nicht ganz unbeteiligt. Besser überhören und nichts sagen, statt sich zu ärgern; besser sich nichts anmerken lassen, statt Aufsehen zu erregen; besser gleicher Meinung sein, statt zu widersprechen. Und in der anschließenden Reha ist wieder vor allem eines angesagt: Ruhe. Entspannungstechniken, Yogastunden, Meditation und vieles mehr. Wenn dann noch die größte Strafe verordnet wird, wird es kritisch: Digital Detox. Denn ohne das Handy als Stillhaltehilfe im Taschenformat geht es gar nicht. Mit dem kleinen Gerät in der Hand, den Stöpseln im Ohr, ist Stillhalten wenigstens ansatzweise auszuhalten.