Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Spuren
Der Blick in den Spiegel sagt alles, die Lippen schmaler als früher, die Haut trockener, Falten um die Augen und zu viele am Hals. Die Spuren des Lebens lassen sich nicht übersehen, selbst wenn sie Make-up verwenden würde. Zwanzig Umzüge, vier Berufe, drei Kinder, zwei Exmänner. Und noch Einiges mehr. Dichtes Leben, was sie da sieht.
Das war ihr früher nicht klar gewesen, dass nicht nur sie altert. Fast alle um sie hat es auch erwischt. Die Körper gebrechlicher, Gespräche drehen sich um fehlende Gesundheit, Arzt- und Physiotermine, Urlaube, gute Lokale, steigende Preise und wen es in letzter Zeit leider erwischt hat. Alte Freundschaften drohen zu zerbrechen, da sich zu viel Störendes in den Vordergrund schiebt. Schimpftiraden und elendiges Lamentieren nehmen zu. Die Kinder gehen ihre Wege und kommen selten vorbei, neue Freundschaften gelingen nicht mehr so leicht. Neue Interessen? Mangelware. Neugier? Fehlanzeige.
Sie hat nichts gegen das Älterwerden, eigentlich. Aber doch bitte nicht so. Irgendetwas muss passieren, irgendetwas muss sich doch finden lassen, dass sie nicht jeden Morgen beim Blick in den Spiegel denkt: Die ich da sehe, möchte ich nicht sein.
Eines Morgens schiebt sich plötzlich ein Gesicht zwischen sie und ihr Spiegelbild. Sie schließt die Augen, doch beim Öffnen ist es wieder da. Ein kleiner Junge mit so einem frechen Grinsen im Gesicht, vielleicht fünf Jahre jung.
„Na Du?“, ruft sie ihm zu.
„Hast Du ein bisschen Zeit“, fragt er.
„Klar.“
Und schon gehen sie zusammen runter zum Spielplatz, und sie setzt sich mit ihm in die Schaukel, nimmt ganz viel Schwung mit den Beinen, und wenn sie in die Höhe schwingen, gluckst er vor Freude. Dann hinüber zum Kreisel, zur Rutsche, in die Sandkiste, er backt Kuchen für sie und fragt:
„Welche ist Deine Lieblingspizza?“
„Tomate, Sardellen, Kapern.“
Schon klopft er den feuchten Sand mit der Schaufel ganz platt und sagt:
„Extra für Dich.“
An Regentagen sitzen auf dem Teppich im Wohnzimmer und bauen Ritterburgen und Tierställe, die bunten Legosteine und Playmobilfiguren haben sie zusammen aus dem Keller geholt. Ihre Kinder wollten sie unbedingt aufheben, für später mal. Und während sie bauen, plappert er los, gibt Tieren und Rittern lustige Namen und sagt, dass er später mal im Zoo oder am Nordpol arbeiten möchte. Und sie erzählt ihm, dass sie als kleines Mädchen immer Stewardess werden wollte, um ganz viel von der Welt zu sehen.
„Und? Bist Du es geworden?“
„Nö, leider nicht.“
Am Abend sieht sie dann die bunten Spielsachen und den Sand in der Wohnung und denkt an jede Menge wunderbarer Geschichten, die ihr neuer, junger Freund hinterlassen hat. Wunderbare Spuren, lächelt sie und freut sich schon aufs nächste Mal.
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Spuren
Der Blick in den Spiegel sagt alles, die Lippen schmaler als früher, die Haut trockener, Falten um die Augen und zu viele am Hals. Die Spuren des Lebens lassen sich nicht übersehen, selbst wenn sie Make-up verwenden würde. Zwanzig Umzüge, vier Berufe, drei Kinder, zwei Exmänner. Und noch Einiges mehr. Dichtes Leben, was sie da sieht.
Das war ihr früher nicht klar gewesen, dass nicht nur sie altert. Fast alle um sie hat es auch erwischt. Die Körper gebrechlicher, Gespräche drehen sich um fehlende Gesundheit, Arzt- und Physiotermine, Urlaube, gute Lokale, steigende Preise und wen es in letzter Zeit leider erwischt hat. Alte Freundschaften drohen zu zerbrechen, da sich zu viel Störendes in den Vordergrund schiebt. Schimpftiraden und elendiges Lamentieren nehmen zu. Die Kinder gehen ihre Wege und kommen selten vorbei, neue Freundschaften gelingen nicht mehr so leicht. Neue Interessen? Mangelware. Neugier? Fehlanzeige.
Sie hat nichts gegen das Älterwerden, eigentlich. Aber doch bitte nicht so. Irgendetwas muss passieren, irgendetwas muss sich doch finden lassen, dass sie nicht jeden Morgen beim Blick in den Spiegel denkt: Die ich da sehe, möchte ich nicht sein.
Eines Morgens schiebt sich plötzlich ein Gesicht zwischen sie und ihr Spiegelbild. Sie schließt die Augen, doch beim Öffnen ist es wieder da. Ein kleiner Junge mit so einem frechen Grinsen im Gesicht, vielleicht fünf Jahre jung.
„Na Du?“, ruft sie ihm zu.
„Hast Du ein bisschen Zeit“, fragt er.
„Klar.“
Und schon gehen sie zusammen runter zum Spielplatz, und sie setzt sich mit ihm in die Schaukel, nimmt ganz viel Schwung mit den Beinen, und wenn sie in die Höhe schwingen, gluckst er vor Freude. Dann hinüber zum Kreisel, zur Rutsche, in die Sandkiste, er backt Kuchen für sie und fragt:
„Welche ist Deine Lieblingspizza?“
„Tomate, Sardellen, Kapern.“
Schon klopft er den feuchten Sand mit der Schaufel ganz platt und sagt:
„Extra für Dich.“
An Regentagen sitzen auf dem Teppich im Wohnzimmer und bauen Ritterburgen und Tierställe, die bunten Legosteine und Playmobilfiguren haben sie zusammen aus dem Keller geholt. Ihre Kinder wollten sie unbedingt aufheben, für später mal. Und während sie bauen, plappert er los, gibt Tieren und Rittern lustige Namen und sagt, dass er später mal im Zoo oder am Nordpol arbeiten möchte. Und sie erzählt ihm, dass sie als kleines Mädchen immer Stewardess werden wollte, um ganz viel von der Welt zu sehen.
„Und? Bist Du es geworden?“
„Nö, leider nicht.“
Am Abend sieht sie dann die bunten Spielsachen und den Sand in der Wohnung und denkt an jede Menge wunderbarer Geschichten, die ihr neuer, junger Freund hinterlassen hat. Wunderbare Spuren, lächelt sie und freut sich schon aufs nächste Mal.