Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Spuren
Sorgfältig wischt sie über das Ceranfeld, den Kopf leicht geneigt, um auch die letzte Spur auf dem Glas zu beseitigen. Es ist spät, aber der Abend war schön, mit Freunden, dem aufwendigen Essen, dem Erzählen und dem vielem Lachen danach.
„Und? Hast du alle Spuren beseitigt?“ ,fragt er, als er die letzten Gläser in die Küche bringt.
„Du glaubst nicht, was das für eine Sauerei war. Wenn frischer Fisch in der Pfanne brät, spritzt es wie verrückt.“
„Sollten wir nicht langsam schlafen gehen und einfach alles stehen und liegen lassen?“
„Stehen und liegen lassen? Wer musste denn letzten Samstag nach der Fahrradtour als Erster auf seinem E-Bike alle Spuren beseitigen?“
Er sagt nichts. Stattdessen denkt er: Stimmt. Irgendwie hat es zugenommen – dieses Bedürfnis, Spuren zu beseitigen. Möglichst schnell. Die Zeiten von 'Morgen ist auch noch ein Tag' sind vorbei. Dabei erinnert er sich gut an den großen Esstisch von damals. Vor etwa dreißig Jahren wären am nächsten Morgen noch alle Spuren des Vorabends zu sehen. Doch das ist vorbei. Heute heißt es: Schnell … dann riecht es nicht so ... ich will noch rasch die Spülmaschine laufen lassen … sonst trocknet alles ein …
Alles spricht für Spurenbeseitigung. Das Resultat? Spurenfreie Räume, zeitlose Räume, keine Kratzer, keine Dellen, keine Flecken. Alles auf Null, wieder auf Anfang. Keine Toleranz für Momente und Räume, in denen Spuren einfach dazugehören. Werkstätten, Ateliers, alte Bauernhäuser, Räume, in denen man sieht, was dort alles geschehen ist, wie viel, wie oft, wie intensiv.
Die Farbflecken auf dem Boden vor der Malwand im Atelier, die Einkerbungen auf der Hobelbank, die Kratzer an Wänden und Tischen. Wie in alten Kneipen, wie wohl er sich fühlte inmitten dieser Spuren, die von einer Stimmung, einem Lebensgefühl, einer intensiven Beschäftigung erzählten. Vielleicht haben sie die Kinder einfach zu oft ermahnt, ihre Spuren zu beseitigen. Und jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, bleibt nichts anderes übrig, als diesen Aufforderungen ständig selbst zu folgen.
„Schatz, war in der letzten Flasche Rotwein nicht noch etwas drin? Der war übrigens richtig gut. Sollen wir den nicht noch leer machen?“ Sie kommt aus der Küche und zieht sich ihre Schürze aus. „Ganz schöne Sauerei alles“ sagt sie und lacht.
„Die haben sich ganz schön daneben benommen, unsere Gäste“ ergänzt er.
„Du aber auch!“ sagt sie und lacht immer noch. „Hat mir aber gefallen, hat gut getan.“
„Kommen eigentlich die Kinder morgen?“ fällt ihm da brennend heißt ein.
„Nein, keine Sorge, die müssen doch mit ihren Kindern für Mathe lernen. Wir brauchen also nicht alle Spuren beseitigen.“
„Gottseidank, ich dachte schon. Können nämlich ganz schön streng sein, so erwachsene Kinder.“
„Warst du auch früher.“
Texte zum Alltäglichen -
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Spuren
Sorgfältig wischt sie über das Ceranfeld, den Kopf leicht geneigt, um auch die letzte Spur auf dem Glas zu beseitigen. Es ist spät, aber der Abend war schön, mit Freunden, dem aufwendigen Essen, dem Erzählen und dem vielem Lachen danach.
„Und? Hast du alle Spuren beseitigt?“ ,fragt er, als er die letzten Gläser in die Küche bringt.
„Du glaubst nicht, was das für eine Sauerei war. Wenn frischer Fisch in der Pfanne brät, spritzt es wie verrückt.“
„Sollten wir nicht langsam schlafen gehen und einfach alles stehen und liegen lassen?“
„Stehen und liegen lassen? Wer musste denn letzten Samstag nach der Fahrradtour als Erster auf seinem E-Bike alle Spuren beseitigen?“
Er sagt nichts. Stattdessen denkt er: Stimmt. Irgendwie hat es zugenommen – dieses Bedürfnis, Spuren zu beseitigen. Möglichst schnell. Die Zeiten von 'Morgen ist auch noch ein Tag' sind vorbei. Dabei erinnert er sich gut an den großen Esstisch von damals. Vor etwa dreißig Jahren wären am nächsten Morgen noch alle Spuren des Vorabends zu sehen. Doch das ist vorbei. Heute heißt es: Schnell … dann riecht es nicht so ... ich will noch rasch die Spülmaschine laufen lassen … sonst trocknet alles ein …
Alles spricht für Spurenbeseitigung. Das Resultat? Spurenfreie Räume, zeitlose Räume, keine Kratzer, keine Dellen, keine Flecken. Alles auf Null, wieder auf Anfang. Keine Toleranz für Momente und Räume, in denen Spuren einfach dazugehören. Werkstätten, Ateliers, alte Bauernhäuser, Räume, in denen man sieht, was dort alles geschehen ist, wie viel, wie oft, wie intensiv.
Die Farbflecken auf dem Boden vor der Malwand im Atelier, die Einkerbungen auf der Hobelbank, die Kratzer an Wänden und Tischen. Wie in alten Kneipen, wie wohl er sich fühlte inmitten dieser Spuren, die von einer Stimmung, einem Lebensgefühl, einer intensiven Beschäftigung erzählten. Vielleicht haben sie die Kinder einfach zu oft ermahnt, ihre Spuren zu beseitigen. Und jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, bleibt nichts anderes übrig, als diesen Aufforderungen ständig selbst zu folgen.
„Schatz, war in der letzten Flasche Rotwein nicht noch etwas drin? Der war übrigens richtig gut. Sollen wir den nicht noch leer machen?“ Sie kommt aus der Küche und zieht sich ihre Schürze aus. „Ganz schöne Sauerei alles“ sagt sie und lacht.
„Die haben sich ganz schön daneben benommen, unsere Gäste“ ergänzt er.
„Du aber auch!“ sagt sie und lacht immer noch. „Hat mir aber gefallen, hat gut getan.“
„Kommen eigentlich die Kinder morgen?“ fällt ihm da brennend heißt ein.
„Nein, keine Sorge, die müssen doch mit ihren Kindern für Mathe lernen. Wir brauchen also nicht alle Spuren beseitigen.“
„Gottseidank, ich dachte schon. Können nämlich ganz schön streng sein, so erwachsene Kinder.“
„Warst du auch früher.“