Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Selbst
‚Finde Dein Selbst und lerne Dich neu kennen‘ liest er auf einem Plakat an der Litfaßsäule, als er an der roten Ampel halten muss. ‚Fünf Tage Workshop in der Uckermark für 980 Euro.
Na, die trauen sich was, denkt er. ‚Bullshit‘ würde Clara jetzt wohl sagen, ‚rausgeschmissenes Geld, die sollen lieber ins Klima investieren als in ihr verdammtes Ego.‘
Suche ich noch mein Selbst oder habe ich es schon längst gefunden, ist es bereits ein fester Teil von mir? Und was ist das überhaupt, das Selbst!? Früher hat er gerne ‚selbst ist die Frau‘ zu seiner lieben Charlotte gesagt, wenn er mal wieder so überhaupt keine Lust hatte, die Rad- oder Autoreifen aufzupumpen., den Ölwechsel zu machen oder die Hecke zu schneiden, und erntete meist ein ziemlich verärgertes Murren. Zurecht, wie er heute findet.
Selbständigkeit, ok, da ist man immerzu selber für alles verantwortlich. Zum Glück war er das beruflich nie. Selbstbedienung, auch in Ordnung. Im Lokal den Salat zusammenstellen, an den Schnellkassen bei Super-und Drogeriemärkten bezahlen, Kinokarten, Hotelzimmer, Ferienwohnungen, Züge und Flüge buchen. Selberbauen, Selbstauskunft, Selbstbestimmung, Selbstvermarktung und dann noch der ganze Hype um die Selbstoptimierung, die sicherlich in einem Anschluss-Workshop für noch einmal 980 Euro auch in der Uckermark angeboten wird.
Aber ganz ehrlich, was ist das Selbst eigentlich? Keinen blassen Schimmer. Dasselbe wie das Ich? Ist es mit sieben anders als mit fünfunddreißig oder siebzig? Ist es ausbaufähig und einsturzgefährdet? Muss ich erst mein Selbst kennen, um es dann zu optimieren? Und wer sagt mir, was dann das Richtige ist und was nicht? Selbst und selber. Handelt, denkt und fühlt das Selbst immer alles selber? Und dann noch die Selbstzufriedenheit, Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein puuuh, da soll sich einer auskennen. Ein Haufen Fragen und keinerlei Antworten.
In zehn Minuten wird er zuhause sein und gleich mal im Netz dazu recherchieren. Und Charlotte vorschlagen, wie einfach es ist, 980 EU zu sparen. Denn er, also sein Ich, ist sich ziemlich sicher, sein Selbst zu kennen, mal schauen, ob die Recherche ihm Recht geben wird.
Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Selbst
‚Finde Dein Selbst und lerne Dich neu kennen‘ liest er auf einem Plakat an der Litfaßsäule, als er an der roten Ampel halten muss. ‚Fünf Tage Workshop in der Uckermark für 980 Euro.
Na, die trauen sich was, denkt er. ‚Bullshit‘ würde Clara jetzt wohl sagen, ‚rausgeschmissenes Geld, die sollen lieber ins Klima investieren als in ihr verdammtes Ego.‘
Suche ich noch mein Selbst oder habe ich es schon längst gefunden, ist es bereits ein fester Teil von mir? Und was ist das überhaupt, das Selbst!? Früher hat er gerne ‚selbst ist die Frau‘ zu seiner lieben Charlotte gesagt, wenn er mal wieder so überhaupt keine Lust hatte, die Rad- oder Autoreifen aufzupumpen., den Ölwechsel zu machen oder die Hecke zu schneiden, und erntete meist ein ziemlich verärgertes Murren. Zurecht, wie er heute findet.
Selbständigkeit, ok, da ist man immerzu selber für alles verantwortlich. Zum Glück war er das beruflich nie. Selbstbedienung, auch in Ordnung. Im Lokal den Salat zusammenstellen, an den Schnellkassen bei Super-und Drogeriemärkten bezahlen, Kinokarten, Hotelzimmer, Ferienwohnungen, Züge und Flüge buchen. Selberbauen, Selbstauskunft, Selbstbestimmung, Selbstvermarktung und dann noch der ganze Hype um die Selbstoptimierung, die sicherlich in einem Anschluss-Workshop für noch einmal 980 Euro auch in der Uckermark angeboten wird.
Aber ganz ehrlich, was ist das Selbst eigentlich? Keinen blassen Schimmer. Dasselbe wie das Ich? Ist es mit sieben anders als mit fünfunddreißig oder siebzig? Ist es ausbaufähig und einsturzgefährdet? Muss ich erst mein Selbst kennen, um es dann zu optimieren? Und wer sagt mir, was dann das Richtige ist und was nicht? Selbst und selber. Handelt, denkt und fühlt das Selbst immer alles selber? Und dann noch die Selbstzufriedenheit, Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein puuuh, da soll sich einer auskennen. Ein Haufen Fragen und keinerlei Antworten.
In zehn Minuten wird er zuhause sein und gleich mal im Netz dazu recherchieren. Und Charlotte vorschlagen, wie einfach es ist, 980 EU zu sparen. Denn er, also sein Ich, ist sich ziemlich sicher, sein Selbst zu kennen, mal schauen, ob die Recherche ihm Recht geben wird.