Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Selbst ist die Frau
Sie wusste es schon als junge Frau. Dass sie die Erste in ihrer Familie ist, die viel selber machen und entscheiden durfte. Weder Mutter, Tanten, Großmutter und Urgroßmutter hatten jemals dieses Glück. Frei zu entscheiden zum Beispiel, ob nach acht, zehn oder dreizehn Jahren Schluss mit der Schule ist. Einen Führerschein zu machen, sich einen Lieblingssport auszusuchen, den BH wegzulassen, alleine zu verreisen und sich zu verlieben, in wen sie wollte.
Also machte sie mit achtzehn ein ziemlich gutes Abitur und ging ein Jahr nach Amerika, jobbte hier und dort, trank, kiffte und hörte viel Musik. Kam zurück und begann mit dem Studium. War leidlich fleißig und schaute lieber links und rechts, nahm dabei soviel mit, wie sie schaffte und manchmal auch darüber hinaus. Sah fremde Länder, schlief mit Männern, die ihr gefielen, hatte eine Abtreibung, die die Krankenkasse bezahlte. Lernte neben Stricken und Kochen das Handwerkeln und Tapezieren, Wände und Möbel abschleifen und anstreichen, reparierte defekte Lampen, wechselte Auto- und Radreifen. Machte ihren Magister und dann noch den Doktor, bekam drei Kinder und verließ den dazugehörigen Vater dazu dann irgendwann doch. Arbeitete noch mehr und schmiss auch Haushalt und Familie, stritt sich um Unterhalt mit dem Ex und ging häufig auf dem Zahnfleisch. Aber sie ließ sich nichts anmerken, Augen zu und durch.
Nun sind die Kinder aus dem Haus, sie arbeitet immer noch viel, repariert weiterhin wie selbstverständlich verstopfte Ausgüsse und Rohre, kaputte Lampen und streicht Wände und Türen. Vor ein paar Jahren hatte sie einen Freund, eigentlich sehr passend, der fast immer, wenn sie ihn um praktische Hilfe bat, fast stereotyp reagierte: „Ich dachte, du bist für die Gleichberechtigung?!“ Auch ihn hat sie dann bald weggeschickt.
Als sie neulich auf dem Markt zwei Salbeipflanzen kaufte, und der Blumenhändler ihr anbot, sich die schönsten auszusuchen, sagte sie ziemlich entschieden: „Nein, das machen sie bitte für mich, ich muss täglich soviel alleine entscheiden und machen.“ Er sah sie etwas verdutzt an und steckte die beiden dicksten Pflanzen in eine Plastiktüte. Auf dem Heimweg erschrak sie noch im Nachhinein über ihre Schroffheit und freute sich doch über ihre Ehrlichkeit. Sie hätte nach all den Jahren wirklich nichts dagegen, nicht immer alles selber machen zu müssen, wo sie solange schon weiß, dass sie es kann.
Zum Glück hört ihr neuer Freund auf diesem Ohr ziemlich bis sehr gut, sind die drei Kinder auch sehr hilfsbereit. Manchmal sitzt sie einfach nur auf dem Sofa und liest, während in der Wohnung oder im Garten irgendetwas gemacht wird. So wie ihre Mutter, Groß- und Urgroßmutter sicherlich damals auch, nur ist es heute etwas ganz anderes. Denn sie könnte und dürfte ja, wenn sie wollte. Sie mag nur einfach nicht immer, und das ist auch gut so.
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Selbst ist die Frau
Sie wusste es schon als junge Frau. Dass sie die Erste in ihrer Familie ist, die viel selber machen und entscheiden durfte. Weder Mutter, Tanten, Großmutter und Urgroßmutter hatten jemals dieses Glück. Frei zu entscheiden zum Beispiel, ob nach acht, zehn oder dreizehn Jahren Schluss mit der Schule ist. Einen Führerschein zu machen, sich einen Lieblingssport auszusuchen, den BH wegzulassen, alleine zu verreisen und sich zu verlieben, in wen sie wollte.
Also machte sie mit achtzehn ein ziemlich gutes Abitur und ging ein Jahr nach Amerika, jobbte hier und dort, trank, kiffte und hörte viel Musik. Kam zurück und begann mit dem Studium. War leidlich fleißig und schaute lieber links und rechts, nahm dabei soviel mit, wie sie schaffte und manchmal auch darüber hinaus. Sah fremde Länder, schlief mit Männern, die ihr gefielen, hatte eine Abtreibung, die die Krankenkasse bezahlte. Lernte neben Stricken und Kochen das Handwerkeln und Tapezieren, Wände und Möbel abschleifen und anstreichen, reparierte defekte Lampen, wechselte Auto- und Radreifen. Machte ihren Magister und dann noch den Doktor, bekam drei Kinder und verließ den dazugehörigen Vater dazu dann irgendwann doch. Arbeitete noch mehr und schmiss auch Haushalt und Familie, stritt sich um Unterhalt mit dem Ex und ging häufig auf dem Zahnfleisch. Aber sie ließ sich nichts anmerken, Augen zu und durch.
Nun sind die Kinder aus dem Haus, sie arbeitet immer noch viel, repariert weiterhin wie selbstverständlich verstopfte Ausgüsse und Rohre, kaputte Lampen und streicht Wände und Türen. Vor ein paar Jahren hatte sie einen Freund, eigentlich sehr passend, der fast immer, wenn sie ihn um praktische Hilfe bat, fast stereotyp reagierte: „Ich dachte, du bist für die Gleichberechtigung?!“ Auch ihn hat sie dann bald weggeschickt.
Als sie neulich auf dem Markt zwei Salbeipflanzen kaufte, und der Blumenhändler ihr anbot, sich die schönsten auszusuchen, sagte sie ziemlich entschieden: „Nein, das machen sie bitte für mich, ich muss täglich soviel alleine entscheiden und machen.“ Er sah sie etwas verdutzt an und steckte die beiden dicksten Pflanzen in eine Plastiktüte. Auf dem Heimweg erschrak sie noch im Nachhinein über ihre Schroffheit und freute sich doch über ihre Ehrlichkeit. Sie hätte nach all den Jahren wirklich nichts dagegen, nicht immer alles selber machen zu müssen, wo sie solange schon weiß, dass sie es kann.
Zum Glück hört ihr neuer Freund auf diesem Ohr ziemlich bis sehr gut, sind die drei Kinder auch sehr hilfsbereit. Manchmal sitzt sie einfach nur auf dem Sofa und liest, während in der Wohnung oder im Garten irgendetwas gemacht wird. So wie ihre Mutter, Groß- und Urgroßmutter sicherlich damals auch, nur ist es heute etwas ganz anderes. Denn sie könnte und dürfte ja, wenn sie wollte. Sie mag nur einfach nicht immer, und das ist auch gut so.