Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Schlafanzug
Gestern habe ich diesen Weihnachtsfilm gesehen, ich hatte einfach Lust auf etwas Leichtes und wollte auch mal wieder lachen. Sie wissen schon, chaotische Familie, nervige Kinder, schwierige Schwiegermütter, hektische, angespannte Frau, die es allen recht machen will, der Mann bemüht und doch meist leicht neben der Kappe.
Die einzigen Momente, in denen das Paar ein paar Momente für sich hat, sind die im Schlafzimmer. Die Frau mit den roten Haaren trägt den Film über nur rote Kleidung, Blusen, Pullover, Hosen, Röcke, Jacken, Mäntel, Schuhe alles in den verschiedensten Rottönen. Nun war ich natürlich gespannt. Und siehe da, als sie aus dem Bad kommt, das, nein, nicht rote, sondern graue Handtuch um die frisch gewaschenen Haare gewickelt, trägt sie einen rot-weiß-karierten Schlafanzug aus Flanell. Die Frau ist schlank, der Schlafanzug trägt nicht auf und lässt ihre gute Figur erkennen. Ob sie darunter wohl einen BH trägt? Brustwarzen sind zumindest nicht zu erkennen. Ihr Mann trägt einen dunkelgrauen Pyjama mit weiß abgesetzten Rändern, die Haare zerzaust, wie sie eben so aussehen nach einem langen Tag.
Das Ehepaar im Bett. Klassische Situation. Im Schlafanzug. Sie drehen die Köpfe zueinander und reden noch ein bisschen. Gemütlich. Kuschelig. Sie verstehen sich wieder gut und sind sich ausnahmsweise einmal einig in der Einschätzung der derzeitigen Familienlage. Zwei beleuchtete Weihnachtsengel an der Wand über dem Kopfende, die Frau hat einen Weihnachtsdeko-Wahn, bescheinen ihre Gesichter. Sie küsst ihn, er küsst sie, dann löschen sie ihre Nachtischlampen und sie küssen sich weiter. Vertraut und durchaus inniglich, sie möchte mehr und schlägt ihre Beine über seine Decke. Rote Kuschelsocken an den Füßen. Er will auch mehr, aber ihn stören nicht der Schlafanzug und nicht die Söckchen, sondern die Lichter auf den Engeln. Den ganzen Tag stört ihn schon irgendetwas, aber er macht die Lichter nicht aus, sondern sie. Und Schnitt.
Socken im Bett. Dazu Schlafanzug. Wobei zugegeben, die beiden Partner noch nicht mal die schlimmsten Modelle tragen. Stellen sie sich nur mal rote Spitze oder grünen, grauen oder im schlimmsten Fall beigen Frotteestoff und ein kleinteiliges Muster darauf vor. Dreihundertfünfzig Mal gewaschen. Haben Sie das Bild vor Augen?
Wenn ich mit meinem Chef Stefan Stress habe und mich nur noch über ihn aufrege, dann stelle ich ihn mir genauso vor. Mit seiner Frau im Bett, beide tragen Schlafanzüge, er auf jeden Fall einen mit Muster, vielleicht sogar mit kleinen Motorrädern drauf, er fährt in seiner Freizeit eine Harley. Ausgeleierte Bündchen am Hals, zu kurze Ärmel, ausgebeulte Beine – und was sage ich Ihnen? Mein Groll über ihn ist im Nu verflogen. Was wohl Friedrich Merz trägt oder Frank Walter Steinmeier? Was wohl Urban, Erdogan, Trump, Putin? Nachts im Bett neben ihren Liebsten? Das gäbe doch mal eine etwas andere Sicht auf die Dinge, oder was meinen Sie?
Als Kind ganze Tage im Schlafanzug verbringen, nur zuhause sein und spielen, keine Hausaufgaben machen, kein Instrument üben oder unbedingt an die frische Luft rausgehen müssen, einfach nur den ganzen lieben langen Tag im Schlafanzug mit seinen Spuren von Marmeladen, Honig, Nutella und Buntstiften vorne auf der Brust und an den Ärmeln rumtoben, Lego spielen oder still irgendwo rumliegen und meinetwegen auch Löcher in die Luft starren. Was gibt es Schöneres?
Doch jetzt bin ich erwachsen, diesen Sommer bin ich dreißig geworden. Und ich möchte niemals mit einer Frau ins Bett gehen und das Gefühl haben, dass ein Kind neben mir liegt. Nein, ich möchte die Weichheit der Bettwäsche an meinen nackten Beinen und auch die kalten Füße der Frau zwischen meinen Oberschenkeln spüren, ihr T-Shirt hochstreifen und ihre nackte Haut berühren.
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Schlafanzug
Gestern habe ich diesen Weihnachtsfilm gesehen, ich hatte einfach Lust auf etwas Leichtes und wollte auch mal wieder lachen. Sie wissen schon, chaotische Familie, nervige Kinder, schwierige Schwiegermütter, hektische, angespannte Frau, die es allen recht machen will, der Mann bemüht und doch meist leicht neben der Kappe.
Die einzigen Momente, in denen das Paar ein paar Momente für sich hat, sind die im Schlafzimmer. Die Frau mit den roten Haaren trägt den Film über nur rote Kleidung, Blusen, Pullover, Hosen, Röcke, Jacken, Mäntel, Schuhe alles in den verschiedensten Rottönen. Nun war ich natürlich gespannt. Und siehe da, als sie aus dem Bad kommt, das, nein, nicht rote, sondern graue Handtuch um die frisch gewaschenen Haare gewickelt, trägt sie einen rot-weiß-karierten Schlafanzug aus Flanell. Die Frau ist schlank, der Schlafanzug trägt nicht auf und lässt ihre gute Figur erkennen. Ob sie darunter wohl einen BH trägt? Brustwarzen sind zumindest nicht zu erkennen. Ihr Mann trägt einen dunkelgrauen Pyjama mit weiß abgesetzten Rändern, die Haare zerzaust, wie sie eben so aussehen nach einem langen Tag.
Das Ehepaar im Bett. Klassische Situation. Im Schlafanzug. Sie drehen die Köpfe zueinander und reden noch ein bisschen. Gemütlich. Kuschelig. Sie verstehen sich wieder gut und sind sich ausnahmsweise einmal einig in der Einschätzung der derzeitigen Familienlage. Zwei beleuchtete Weihnachtsengel an der Wand über dem Kopfende, die Frau hat einen Weihnachtsdeko-Wahn, bescheinen ihre Gesichter. Sie küsst ihn, er küsst sie, dann löschen sie ihre Nachtischlampen und sie küssen sich weiter. Vertraut und durchaus inniglich, sie möchte mehr und schlägt ihre Beine über seine Decke. Rote Kuschelsocken an den Füßen. Er will auch mehr, aber ihn stören nicht der Schlafanzug und nicht die Söckchen, sondern die Lichter auf den Engeln. Den ganzen Tag stört ihn schon irgendetwas, aber er macht die Lichter nicht aus, sondern sie. Und Schnitt.
Socken im Bett. Dazu Schlafanzug. Wobei zugegeben, die beiden Partner noch nicht mal die schlimmsten Modelle tragen. Stellen sie sich nur mal rote Spitze oder grünen, grauen oder im schlimmsten Fall beigen Frotteestoff und ein kleinteiliges Muster darauf vor. Dreihundertfünfzig Mal gewaschen. Haben Sie das Bild vor Augen?
Wenn ich mit meinem Chef Stefan Stress habe und mich nur noch über ihn aufrege, dann stelle ich ihn mir genauso vor. Mit seiner Frau im Bett, beide tragen Schlafanzüge, er auf jeden Fall einen mit Muster, vielleicht sogar mit kleinen Motorrädern drauf, er fährt in seiner Freizeit eine Harley. Ausgeleierte Bündchen am Hals, zu kurze Ärmel, ausgebeulte Beine – und was sage ich Ihnen? Mein Groll über ihn ist im Nu verflogen. Was wohl Friedrich Merz trägt oder Frank Walter Steinmeier? Was wohl Urban, Erdogan, Trump, Putin? Nachts im Bett neben ihren Liebsten? Das gäbe doch mal eine etwas andere Sicht auf die Dinge, oder was meinen Sie?
Als Kind ganze Tage im Schlafanzug verbringen, nur zuhause sein und spielen, keine Hausaufgaben machen, kein Instrument üben oder unbedingt an die frische Luft rausgehen müssen, einfach nur den ganzen lieben langen Tag im Schlafanzug mit seinen Spuren von Marmeladen, Honig, Nutella und Buntstiften vorne auf der Brust und an den Ärmeln rumtoben, Lego spielen oder still irgendwo rumliegen und meinetwegen auch Löcher in die Luft starren. Was gibt es Schöneres?
Doch jetzt bin ich erwachsen, diesen Sommer bin ich dreißig geworden. Und ich möchte niemals mit einer Frau ins Bett gehen und das Gefühl haben, dass ein Kind neben mir liegt. Nein, ich möchte die Weichheit der Bettwäsche an meinen nackten Beinen und auch die kalten Füße der Frau zwischen meinen Oberschenkeln spüren, ihr T-Shirt hochstreifen und ihre nackte Haut berühren.