Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Schlafanzug
„Was bedeuten Schlafanzüge für dich?“, fragt meine Frau am Telefon.
„Warum nicht, sie kann ja mal mal fragen“, denke ich, „schließlich ist kurz vor Weihnachten, da gilt es schon, unauffällig vielleicht noch unbekannte Interessen und Vorlieben heraus zu bekommen. Vielleicht lassen sich so neue Geschenkideen entwickeln.
Mit diesem Verdacht versuche ich diplomatisch meine Haltung zum Schlafanzug vorzubringen: „Sicherlich, für viele Menschen sind Schlafanzüge ja das Gegenstück zu allem, was das Leben an Aufgaben und Erfolgen zu bieten hat. Den Schlafanzug abends, bevor man ins Bett geht, anzuziehen, morgens beim Frühstück ihn noch anzulassen, damit werden die Grenzen von Privat und Öffentlich, Arbeit und Freizeit definiert. Aber was heißt es mittlerweile, „sich gut gehen lassen“ und „Disziplin-bewahren“ im Zeitalter von Homeoffice und Work-Life Balance?“
„Du sollst mir jetzt keinen sozio-kulturellen Vortrag über den Schlafanzug im Allgemeinen halten, ich wollte einfach nur von dir wissen, wie du es damit hältst.“
„Aber dazu muss ich nun mal ein wenig weiter ausholen“, räume ich ein, „du ahnst vielleicht, wie viele Kapitel ich jetzt schon übersprungen habe. Ich spreche jetzt nicht über das Aufkommen von Schlafanzügen im 19. Jahrhundert, welche Rolle der Schlafanzug im Kampf des aufstrebenden Bürgertums gegen die Aristokratie eingenommen hat, welche Veränderungen die Geschichte der Nachtgewänder überhaupt kennt."
„Kannst du es bitte lassen, um den heißen Brei herum zu reden", höre ich meine Frau am Telefon lachen, „ich möchte es gerne von dir wissen.“
„Würdest du mich denn gerne in einem schicken Schlafanzug sehen?“, versuche ich mich noch mal einer klaren Aussage zu entziehen.
„Ich habe dich noch nie in einem Schlafanzug gesehen“, wendet sie ein, wobei sie nachts auch nicht das trägt, was man Nachthemd oder Negligee nennt.
„Wenn ich Schlafanzüge und Nachthemden lieben würde, wäre ich mit einer Frau wie Liselotte Pulver oder Doris Day verheiratet. Bin ich aber nicht, und das ist auch gut so“, erkläre ich.
„Ja, ich wollte ja auch nur mal ein wenig nachfühlen. Meine Schwester Christiane hat mich gefragt, was sie dir Weihnachten schenken könnte.“
„Hast du ihr nicht erzählt, dass für mich Schlafanzüge aus Boxershorts und T-Shirts bestehen? Was auch den Vorteil hat, morgens, einfach nur Jeans und Hemd drüber zu ziehen und der Tag kann beginnen. Es gibt mir das Gefühl, noch nicht in der rüden Wirklichkeit der Alltagswelt angekommen zu sein. Ich bewege mich noch in kindlicher Unbescholtenheit, wenn ich ohne weitere Unterbrechung, oder besser Umkleide, direkt in mein Atelier eine Etage höher gehen kann.“
„Nein, über so etwas reden wir nicht, aber das Thema Weihnachtsgeschenke und was zum Anziehen stand schon im Raum.“
„Sag ihr, dass ich es mir nicht nehmen lasse, morgens den Moment zu nutzen, das ganze Durcheinander und die Befangenheit des Vortages gegessen und für einen Moment wieder bei Null anfangen zu können. Das nutzt mir sehr als Illustrator und Schreiber sehr. Dieses Noch-Im-Schlafanzug-Sein zu fühlen, obwohl ich keinen Schlafanzug besitze, und direkt loslegen zu können. Und diesen Luxus soll sie mir bitte nicht nehmen, erst recht nicht durch einen sündhaft teuren Schlafanzug um dann selbst nachts etwas zu tragen, das mir fremd ist. Meine T-Shirts und Boxershorts geben mir das Gefühl, bei mir und mit mir im Reinen zu sein.“
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Schlafanzug
„Was bedeuten Schlafanzüge für dich?“, fragt meine Frau am Telefon.
„Warum nicht, sie kann ja mal mal fragen“, denke ich, „schließlich ist kurz vor Weihnachten, da gilt es schon, unauffällig vielleicht noch unbekannte Interessen und Vorlieben heraus zu bekommen. Vielleicht lassen sich so neue Geschenkideen entwickeln.
Mit diesem Verdacht versuche ich diplomatisch meine Haltung zum Schlafanzug vorzubringen: „Sicherlich, für viele Menschen sind Schlafanzüge ja das Gegenstück zu allem, was das Leben an Aufgaben und Erfolgen zu bieten hat. Den Schlafanzug abends, bevor man ins Bett geht, anzuziehen, morgens beim Frühstück ihn noch anzulassen, damit werden die Grenzen von Privat und Öffentlich, Arbeit und Freizeit definiert. Aber was heißt es mittlerweile, „sich gut gehen lassen“ und „Disziplin-bewahren“ im Zeitalter von Homeoffice und Work-Life Balance?“
„Du sollst mir jetzt keinen sozio-kulturellen Vortrag über den Schlafanzug im Allgemeinen halten, ich wollte einfach nur von dir wissen, wie du es damit hältst.“
„Aber dazu muss ich nun mal ein wenig weiter ausholen“, räume ich ein, „du ahnst vielleicht, wie viele Kapitel ich jetzt schon übersprungen habe. Ich spreche jetzt nicht über das Aufkommen von Schlafanzügen im 19. Jahrhundert, welche Rolle der Schlafanzug im Kampf des aufstrebenden Bürgertums gegen die Aristokratie eingenommen hat, welche Veränderungen die Geschichte der Nachtgewänder überhaupt kennt."
„Kannst du es bitte lassen, um den heißen Brei herum zu reden", höre ich meine Frau am Telefon lachen, „ich möchte es gerne von dir wissen.“
„Würdest du mich denn gerne in einem schicken Schlafanzug sehen?“, versuche ich mich noch mal einer klaren Aussage zu entziehen.
„Ich habe dich noch nie in einem Schlafanzug gesehen“, wendet sie ein, wobei sie nachts auch nicht das trägt, was man Nachthemd oder Negligee nennt.
„Wenn ich Schlafanzüge und Nachthemden lieben würde, wäre ich mit einer Frau wie Liselotte Pulver oder Doris Day verheiratet. Bin ich aber nicht, und das ist auch gut so“, erkläre ich.
„Ja, ich wollte ja auch nur mal ein wenig nachfühlen. Meine Schwester Christiane hat mich gefragt, was sie dir Weihnachten schenken könnte.“
„Hast du ihr nicht erzählt, dass für mich Schlafanzüge aus Boxershorts und T-Shirts bestehen? Was auch den Vorteil hat, morgens, einfach nur Jeans und Hemd drüber zu ziehen und der Tag kann beginnen. Es gibt mir das Gefühl, noch nicht in der rüden Wirklichkeit der Alltagswelt angekommen zu sein. Ich bewege mich noch in kindlicher Unbescholtenheit, wenn ich ohne weitere Unterbrechung, oder besser Umkleide, direkt in mein Atelier eine Etage höher gehen kann.“
„Nein, über so etwas reden wir nicht, aber das Thema Weihnachtsgeschenke und was zum Anziehen stand schon im Raum.“
„Sag ihr, dass ich es mir nicht nehmen lasse, morgens den Moment zu nutzen, das ganze Durcheinander und die Befangenheit des Vortages gegessen und für einen Moment wieder bei Null anfangen zu können. Das nutzt mir sehr als Illustrator und Schreiber sehr. Dieses Noch-Im-Schlafanzug-Sein zu fühlen, obwohl ich keinen Schlafanzug besitze, und direkt loslegen zu können. Und diesen Luxus soll sie mir bitte nicht nehmen, erst recht nicht durch einen sündhaft teuren Schlafanzug um dann selbst nachts etwas zu tragen, das mir fremd ist. Meine T-Shirts und Boxershorts geben mir das Gefühl, bei mir und mit mir im Reinen zu sein.“