Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Schatten
„Wie deine Fotos“, sagte er, als er vom Besuch der Ausstellung erzählte, „die mit den Beinen.“ Er sprach es, als lägen sie gerade vor seinen Augen.
Stimmt, die Serie von den Beinen, sie erinnert sich, als wäre es eine andere Frau gewesen, die damals diese Fotos gemacht hat. Vor über zwanzig Jahren, sie war frisch in die große Stadt gezogen und leidlich mit Job, Wohnung und Familie im neuen Umfeld eingerichtet. Denn es war ein riesengroßer Ritt von der ländlichen, süddeutschen Kleinstadt in die neuerwachte stolze Hauptstadt gewesen. Von den Trekkingschuhen zu den High-Heels. Das hatte Kraft gekostet. Aber auch die Neugier geweckt, Augen und Ohren waren damals allseits auf Empfang. Wann immer sie Zeit hatte, griff sie ihre kleine Panasonic Lumix und stromerte durch die Straßen.
Klick. Sie drückte ab, wann immer sie etwas sah. Klick. Ihre Beute waren Frauenbeine samt Schuhen, denen sie wie eine Jägerin folgte. Klick Klick im rasanten Tempo der dreieinhalb Millionen Stadt. Kudamm, Friedrichstraße, Unter den Linden, August-,Linien-,Torstraße. Sie drückte ab und Klick. Alles in schwarz-weiß und noch auf Agfa Film. Schuhe, Knöchel, Wade bis hinauf zum Rocksaum, manchmal waren es auch sehr knappe Minis oder Shorts. Kurze Hosen auf den bekanntesten Boulevard! Klick. Bei Wind und Wetter, am liebsten bei Sonnenschein, dann warfen Beine und Schuhe eigenwillige Schatten auf die Trottoirs, Klick. Klick.
Wie eine Jägerin lief sie hinter den Frauen her und ihnen entgegen, nie zeigte sie ein Gesicht. Allenfalls mal eine lange Mähne von hinten, doch ganze Körper fanden nur selten ihr Interesse. Klick. Sie dachte, dass genau so vielleicht ein Mann sieht und fühlte sich plötzlich auch als solcher, das war prickelnd. Sie war auf der Suche, auf Empfang, Klick. Dort die weißen Riemchensandalen, sicherlich ein 7er Absatz. Jetzt zwei 5er nebeneinander, dann der klassische schwarze Büropumps neben zwei Anzug-Lederschuhen. Von hinten und von vorne, von der Seite und von schräg oben, wenn sie leicht in die Knie ging auf gleicher Höhe. Alleine, zu zweit, in Gruppe. Schnell gehen, schlendern, an der Haltestelle stehen, eine Treppe hinauf gehen, auf der Parkbank sitzen, im Park warten. Klick. Immer achtete sie auf den Hintergrund, der musste leer sein, allenfalls der Schatten durfte zu sehen sein, nie beschnitt sie ihn. Klick Klick. Er schuf eine wunderbare Einheit mit Bein und Schuh, schuf eine zweite Ebene, eine neue Wirklichkeit.
Beim Entwickeln und Abziehen im Labor dachte sie, ob er nicht sogar interessanter ist als das Original. Und machte als nächstes eine Serie nur noch über sie, über die Schatten in der Stadt. Langsam fühlte sie sich angekommen, Frauenbeinen und Schatten auf den Trottoirs sei Dank.
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Schatten
„Wie deine Fotos“, sagte er, als er vom Besuch der Ausstellung erzählte, „die mit den Beinen.“ Er sprach es, als lägen sie gerade vor seinen Augen.
Stimmt, die Serie von den Beinen, sie erinnert sich, als wäre es eine andere Frau gewesen, die damals diese Fotos gemacht hat. Vor über zwanzig Jahren, sie war frisch in die große Stadt gezogen und leidlich mit Job, Wohnung und Familie im neuen Umfeld eingerichtet. Denn es war ein riesengroßer Ritt von der ländlichen, süddeutschen Kleinstadt in die neuerwachte stolze Hauptstadt gewesen. Von den Trekkingschuhen zu den High-Heels. Das hatte Kraft gekostet. Aber auch die Neugier geweckt, Augen und Ohren waren damals allseits auf Empfang. Wann immer sie Zeit hatte, griff sie ihre kleine Panasonic Lumix und stromerte durch die Straßen.
Klick. Sie drückte ab, wann immer sie etwas sah. Klick. Ihre Beute waren Frauenbeine samt Schuhen, denen sie wie eine Jägerin folgte. Klick Klick im rasanten Tempo der dreieinhalb Millionen Stadt. Kudamm, Friedrichstraße, Unter den Linden, August-,Linien-,Torstraße. Sie drückte ab und Klick. Alles in schwarz-weiß und noch auf Agfa Film. Schuhe, Knöchel, Wade bis hinauf zum Rocksaum, manchmal waren es auch sehr knappe Minis oder Shorts. Kurze Hosen auf den bekanntesten Boulevard! Klick. Bei Wind und Wetter, am liebsten bei Sonnenschein, dann warfen Beine und Schuhe eigenwillige Schatten auf die Trottoirs, Klick. Klick.
Wie eine Jägerin lief sie hinter den Frauen her und ihnen entgegen, nie zeigte sie ein Gesicht. Allenfalls mal eine lange Mähne von hinten, doch ganze Körper fanden nur selten ihr Interesse. Klick. Sie dachte, dass genau so vielleicht ein Mann sieht und fühlte sich plötzlich auch als solcher, das war prickelnd. Sie war auf der Suche, auf Empfang, Klick. Dort die weißen Riemchensandalen, sicherlich ein 7er Absatz. Jetzt zwei 5er nebeneinander, dann der klassische schwarze Büropumps neben zwei Anzug-Lederschuhen. Von hinten und von vorne, von der Seite und von schräg oben, wenn sie leicht in die Knie ging auf gleicher Höhe. Alleine, zu zweit, in Gruppe. Schnell gehen, schlendern, an der Haltestelle stehen, eine Treppe hinauf gehen, auf der Parkbank sitzen, im Park warten. Klick. Immer achtete sie auf den Hintergrund, der musste leer sein, allenfalls der Schatten durfte zu sehen sein, nie beschnitt sie ihn. Klick Klick. Er schuf eine wunderbare Einheit mit Bein und Schuh, schuf eine zweite Ebene, eine neue Wirklichkeit.
Beim Entwickeln und Abziehen im Labor dachte sie, ob er nicht sogar interessanter ist als das Original. Und machte als nächstes eine Serie nur noch über sie, über die Schatten in der Stadt. Langsam fühlte sie sich angekommen, Frauenbeinen und Schatten auf den Trottoirs sei Dank.