Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Rote Linie
Was nun? Wieder und wieder starrt sie auf die mail, als könne sie nicht glauben, was dasteht. Wir freuen uns auf Sie. Das steht wirklich da. Sie hat den Job, um den sie gar nicht wirklich lange gekämpft hat, den sie einerseits haben wollte, na klar, andrerseits aber ... Sie sollte sich freuen und vor Glück an die Decke springen. Ein Traumjob winkt, mit besten Aufstiegschancen und noch besserer Bezahlung. Genau zum richtigen Zeitpunkt.
In der Küche macht sie sich eine große Saftschorle, könnte auch schon einen Gin Tonic vertragen, aber es ist noch nicht mal zwölf Uhr. Morgen muss sie ihrem Chef Bescheid sagen, ob sie auf sein neues Angebot eingeht. Das hieße noch mehr Arbeit und weiterhin sein Ego aushalten. Dafür kann sie in nicht mal zwanzig Minuten mit dem Rad im Büro sein. Dreimal die Woche, zweimal Homeoffice.
Der neue Job verlangt die erste Zeit Anwesenheit im neuen Office am Hausvogteiplatz, und dahin muss sie die U2 nehmen. Mit der sie nie mehr fahren wollte, das hat sie sich vor zwei Monaten geschworen. U-Bahn fahren ist einfach nicht schön. Im Dunkeln sitzen und viele merkwürdige Menschen aushalten. Aber die U2 ist nicht nur auf dem Plan, sondern auch für sie persönlich die rote Linie schlechthin. In die eine Richtung führt sie zum Friedhof. Da hat sie vor einem Jahr erst ihre Mutter begraben, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Aber in die andere Richtung kommt sie beim Ausstieg am Haus von Jonas vorbei, der sie vor zwei Monaten mir nichts dir nichts aus ihrem gemeinsamen Leben gekickt hat. Selbst wenn sie den anderen Ausgang nimmt, wird sie nicht umher kommen, auf die schöne Fassade zu sehen. Vierter Stock, drei wunderschöne Räume, Schlafzimmer in den ruhigen Hinterhof. Sie sah sich schon dort gemeinsam mit ihm leben, so zugewandt wie er anfangs war. Die ganzen vier Jahre eigentlich, bis er dann vor zwei Monaten damit rausrückte, dass es noch eine andere gibt.
Vier Jahre ist sie die rote Linie gefahren in Vorfreude auf und in liebevollster Erinnerung an ihn. Nun soll sie ab nächstem Monat wieder einsteigen? Ihn vielleicht aus dem Haus kommen oder darin verschwinden sehen mit der Anderen? Sie leert das Glas und schäumt vor Ärger, über ihn und über sich.
Nein, den Triumpf wird sie ihm nicht gönnen, dass er ihr auch noch ihre berufliche Zukunft nimmt, nein, auf gar keinen Fall. Irgendetwas wird ihr einfallen, und wenn sie sich die erste Zeit beim Verlassen der U-Bahn eine Sonnenbrille aufzieht und sie tragen wird, bis sie das Bürogebäude betritt. Nur nichts von ihm sehen, ja nicht mehr an ihn denken.
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Rote Linie
Was nun? Wieder und wieder starrt sie auf die mail, als könne sie nicht glauben, was dasteht. Wir freuen uns auf Sie. Das steht wirklich da. Sie hat den Job, um den sie gar nicht wirklich lange gekämpft hat, den sie einerseits haben wollte, na klar, andrerseits aber ... Sie sollte sich freuen und vor Glück an die Decke springen. Ein Traumjob winkt, mit besten Aufstiegschancen und noch besserer Bezahlung. Genau zum richtigen Zeitpunkt.
In der Küche macht sie sich eine große Saftschorle, könnte auch schon einen Gin Tonic vertragen, aber es ist noch nicht mal zwölf Uhr. Morgen muss sie ihrem Chef Bescheid sagen, ob sie auf sein neues Angebot eingeht. Das hieße noch mehr Arbeit und weiterhin sein Ego aushalten. Dafür kann sie in nicht mal zwanzig Minuten mit dem Rad im Büro sein. Dreimal die Woche, zweimal Homeoffice.
Der neue Job verlangt die erste Zeit Anwesenheit im neuen Office am Hausvogteiplatz, und dahin muss sie die U2 nehmen. Mit der sie nie mehr fahren wollte, das hat sie sich vor zwei Monaten geschworen. U-Bahn fahren ist einfach nicht schön. Im Dunkeln sitzen und viele merkwürdige Menschen aushalten. Aber die U2 ist nicht nur auf dem Plan, sondern auch für sie persönlich die rote Linie schlechthin. In die eine Richtung führt sie zum Friedhof. Da hat sie vor einem Jahr erst ihre Mutter begraben, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Aber in die andere Richtung kommt sie beim Ausstieg am Haus von Jonas vorbei, der sie vor zwei Monaten mir nichts dir nichts aus ihrem gemeinsamen Leben gekickt hat. Selbst wenn sie den anderen Ausgang nimmt, wird sie nicht umher kommen, auf die schöne Fassade zu sehen. Vierter Stock, drei wunderschöne Räume, Schlafzimmer in den ruhigen Hinterhof. Sie sah sich schon dort gemeinsam mit ihm leben, so zugewandt wie er anfangs war. Die ganzen vier Jahre eigentlich, bis er dann vor zwei Monaten damit rausrückte, dass es noch eine andere gibt.
Vier Jahre ist sie die rote Linie gefahren in Vorfreude auf und in liebevollster Erinnerung an ihn. Nun soll sie ab nächstem Monat wieder einsteigen? Ihn vielleicht aus dem Haus kommen oder darin verschwinden sehen mit der Anderen? Sie leert das Glas und schäumt vor Ärger, über ihn und über sich.
Nein, den Triumpf wird sie ihm nicht gönnen, dass er ihr auch noch ihre berufliche Zukunft nimmt, nein, auf gar keinen Fall. Irgendetwas wird ihr einfallen, und wenn sie sich die erste Zeit beim Verlassen der U-Bahn eine Sonnenbrille aufzieht und sie tragen wird, bis sie das Bürogebäude betritt. Nur nichts von ihm sehen, ja nicht mehr an ihn denken.