Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Reisen
WIE
Mittlerweile ist es September, ein Treffen mit den Nachbarn steht an. Natürlich die Jahreszeit, in der es auch darum geht, sich über die neuesten Reisen auszutauschen. Während sie noch überlegen, ob man doch besser eine Jäckchen für später mitnehmen soll, kündigt Hans seiner Frau Karin schon mal an: „Heute werde ich mich mit meiner Meinung zum Thema Reisen nicht zurückhalten.“
Spätestens nach dem ersten Prosecco ist es dann soweit. Der Nachbar eröffnet die Reiseberichtrunde mit den Worten: „Das Interessante an Jamaika ist ja diese immense Entwicklung in den letzten Jahren. Wir sind ja nun wirklich nicht zum ersten Mal dort.“
Doch da schon bemerkt Hans eher beiläufig: „Meiner Ansicht nach ist Reisen eine völlig überschätzte Form, um an anderen Orten etwas festzustellen, was sich überall feststellen lässt.“
Die Bemerkung scheint den Nachbarn nicht weiter zu tangieren und nach einer kurzen Pause referiert er weiter: „Denn dieses herrliche Klima, diese Strände, dieses fantastische Essen, die Drinks. Allerdings, das muss man sagen, die wahnsinnig günstigen Preise von einst gibt es nicht mehr. Auch sind die Bewohner der Insel nicht mehr alle so offenherzig wir einst. Wurdest du da öters mal irgendwo zu einem Drink eingeladen, heute erwarten sie, dass du einlädst.“
Hans schüttelt leicht empört den Kopf. Seine Gattin zupft vorsorglich an seinem Ärmel. „Vielleicht machen die steigenden Preise den Einheimischen ja auch zu schaffen?“, fragt er im möglichst ruhige Ton.
Jetzt schaltet sich auch die Nachbarin mit ein mit der tiefschürfenden Einsicht: „ Reisen ist doch so wichtig, nicht zuletzt auch, um den Blick auf die eigene Heimat, bewusster zu erleben. Und damit auch auf die Frage: in was für einer Welt leben wir eigentlich?“
„Und dafür brauchen manche Menschen einen Flug über den Atlantik, ein Doppelzimmer mit Balkon, Panoramablick, All Inclusive“, geht es Hans durch den Kopf, sagt aber diesmal nichts.
„Wir waren ja auch einmal in Gegenden, die nicht für den Tourismus herausgeputzt sind. Mitkriegen, wie Menschen leben, ganz einfach und doch zufrieden und lebenslustig. Nicht immer diese Weltuntergangsmimik im Gesicht wie hier bei uns. Gut, manchmal hilft da auch ein Bob Marley Cocktail am Mittag.“
Der Nachbar streckt die Rotweinflasche fragend nach vorn und schenkt Hans nach. Dieser versucht weiterhin den möglichst freundlichen Ton zu halten: „Verständnis für Menschen in ärmeren Verhältnissen lässt sich weit in der Ferne leichter aufbringen als in Köln Chorweiler oder Berlin Marzahn.“
Die Nachbarin versucht es noch einmal: „Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die viele andere Länder besuchen über einen größeren Horizont verfügen, der auch vor undemokratischen Gesinnungen schützt.“
Hans schnüffelt fachmännisch an seinem Rotweinglas. „Gut, so ein edles Tröpfchen schützt ja auch ganz gut davor.“
„Und haben sie dieses Jahr reisemäßig noch etwas vor?“
Diesmal fühlt sich Karin angesprochen:
„Wir dachten eigentlich an eine kleine Städtereise, Schwerin, Wismar, vielleicht die Gegend drumherum.“
„Oh weh, das wäre ich vorsichtig mit den Ländern im Osten. Ich möchte irgendwie auch nicht zu viel von den Menschen dort mitkriegen.“
„Genau, deswegen dachten wir, mal mit eigenen Augen hinschauen.“
Das Thema Reisen wurde an diesem Abend nicht weiter vertieft. Vor allem die gemeinsam erlebte Schneckenplage und anhaltende Trockenheit waren nun Thema.
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Mittlerweile ist es September, ein Treffen mit den Nachbarn steht an. Natürlich die Jahreszeit, in der es auch darum geht, sich über die neuesten Reisen auszutauschen. Während sie noch überlegen, ob man doch besser eine Jäckchen für später mitnehmen soll, kündigt Hans seiner Frau Karin schon mal an: „Heute werde ich mich mit meiner Meinung zum Thema Reisen nicht zurückhalten.“
Spätestens nach dem ersten Prosecco ist es dann soweit. Der Nachbar eröffnet die Reiseberichtrunde mit den Worten: „Das Interessante an Jamaika ist ja diese immense Entwicklung in den letzten Jahren. Wir sind ja nun wirklich nicht zum ersten Mal dort.“
Doch da schon bemerkt Hans eher beiläufig: „Meiner Ansicht nach ist Reisen eine völlig überschätzte Form, um an anderen Orten etwas festzustellen, was sich überall feststellen lässt.“
Die Bemerkung scheint den Nachbarn nicht weiter zu tangieren und nach einer kurzen Pause referiert er weiter: „Denn dieses herrliche Klima, diese Strände, dieses fantastische Essen, die Drinks. Allerdings, das muss man sagen, die wahnsinnig günstigen Preise von einst gibt es nicht mehr. Auch sind die Bewohner der Insel nicht mehr alle so offenherzig wir einst. Wurdest du da öters mal irgendwo zu einem Drink eingeladen, heute erwarten sie, dass du einlädst.“
Hans schüttelt leicht empört den Kopf. Seine Gattin zupft vorsorglich an seinem Ärmel. „Vielleicht machen die steigenden Preise den Einheimischen ja auch zu schaffen?“, fragt er im möglichst ruhige Ton.
Jetzt schaltet sich auch die Nachbarin mit ein mit der tiefschürfenden Einsicht: „ Reisen ist doch so wichtig, nicht zuletzt auch, um den Blick auf die eigene Heimat, bewusster zu erleben. Und damit auch auf die Frage: in was für einer Welt leben wir eigentlich?“
„Und dafür brauchen manche Menschen einen Flug über den Atlantik, ein Doppelzimmer mit Balkon, Panoramablick, All Inclusive“, geht es Hans durch den Kopf, sagt aber diesmal nichts.
„Wir waren ja auch einmal in Gegenden, die nicht für den Tourismus herausgeputzt sind. Mitkriegen, wie Menschen leben, ganz einfach und doch zufrieden und lebenslustig. Nicht immer diese Weltuntergangsmimik im Gesicht wie hier bei uns. Gut, manchmal hilft da auch ein Bob Marley Cocktail am Mittag.“
Der Nachbar streckt die Rotweinflasche fragend nach vorn und schenkt Hans nach. Dieser versucht weiterhin den möglichst freundlichen Ton zu halten: „Verständnis für Menschen in ärmeren Verhältnissen lässt sich weit in der Ferne leichter aufbringen als in Köln Chorweiler oder Berlin Marzahn.“
Die Nachbarin versucht es noch einmal: „Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die viele andere Länder besuchen über einen größeren Horizont verfügen, der auch vor undemokratischen Gesinnungen schützt.“
Hans schnüffelt fachmännisch an seinem Rotweinglas. „Gut, so ein edles Tröpfchen schützt ja auch ganz gut davor.“
„Und haben sie dieses Jahr reisemäßig noch etwas vor?“
Diesmal fühlt sich Karin angesprochen:
„Wir dachten eigentlich an eine kleine Städtereise, Schwerin, Wismar, vielleicht die Gegend drumherum.“
„Oh weh, das wäre ich vorsichtig mit den Ländern im Osten. Ich möchte irgendwie auch nicht zu viel von den Menschen dort mitkriegen.“
„Genau, deswegen dachten wir, mal mit eigenen Augen hinschauen.“
Das Thema Reisen wurde an diesem Abend nicht weiter vertieft. Vor allem die gemeinsam erlebte Schneckenplage und anhaltende Trockenheit waren nun Thema.