Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Rauchen
„Ich denke, du bist Nichtraucherin?“, fragt die Enkelin ihre Oma. Diese steht mit zwei anderen Freundinnen auf dem Balkon, Zigarettenpackung, Feuerzeug und Handy in der Hand, während ein Aschenbecher herumgereicht wird. Sie feiert heute ihren 75. Geburtstag, und die, die jetzt drinnen sitzen, vor allem Männer, schauen den drei Frauen sehnsuchtsvoll zu.
Das siebenjährige Mädchen schaut weiterhin verdutzt. „Oma, was bist du denn jetzt?“ Die Antwort kommt nicht direkt, darum verschwindet die Kleine erst einmal wieder, es ist ihr zu kalt.
„Nichtraucherin? Ich weiß nicht, wann ich das sagen könnte. Selbst wenn ich heute nur noch ganz selten eine Zigarette rauche. Das heißt noch lange nicht, das Gefühl zu haben, eine Nichtraucherin zu sein. Die meisten von uns täten es doch auch immer noch gerne. Sie tun oder trauen es sich nicht mehr, sitzen quasi auf der Ersatzbank. Aber mit dem Herzen sind sie noch dabei. Auch wenn das genau das Organ ist, weswegen sie es sich verkneifen müssen.“
„Wirkliche Nichtraucher sind nur die, die immer schon behaupteten: ‚Ich verstehe nicht, wieso man Rauchen überhaupt gut finden kann.‘ Die dürfen sich Nichtraucher nennen. Aber die, die spontan antworten: ‚Ich verstehe Raucher gut‘, bei denen ist es anders.“
Die Freundinnen, die sich seit Studienzeiten kennen, sind sich einig. Auch wenn es heute keine triftigen Gründe mehr für das Rauchen gibt. Es sind andere Gründe, die schon lange zurückliegen, aber ein bisschen immer noch nachklingen. Irgendwie hatte es bei ihnen auch damit zu tun, etwas für eine bessere Welt tun zu wollen, die Welt retten zu wollen. Rauchen, das hieß auch, das Leid über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung auf der Welt mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu versehen. Wer das Übel dieser Welt fest im Blick hatte, stellte doch nicht die Sorge um die eigene Gesundheit darüber. Zigarettenqualm gehörte einfach dazu. In klarer Luft ohne Rauch klug daherreden kann jeder. Aber das bleibt doch immer nur Theorie. Die Wirklichkeit ist vielschichtig, geheimnisvoll und vernebelt.
Weswegen auch alle, die sich dem Kreativen zugehörig fühlten, zu den Rauchern gehörten. Ein Leben für die Kunst, alles für die Kunst zu geben, das ließ sich vor allem mit etwas leicht Glühendem in der Hand unterstreichen. Das ewige Suchen, Streben, Zweifeln, dazu passen die Rauchschwaden. Brecht, Mann, Beuys, Sartre, Camus …
Aber auch diejenigen, die mit dieser Welt sehr zufrieden waren, rauchten. Sie waren stolz darauf zu wissen, wie sich in dieser Welt sehr gut Geschäfte machen ließen, und waren stolz auf sich selbst. Rauchen, das war auch eine Art, es sich gut gehen zu lassen, sich für Getanes und Geschafftes zu belohnen. Doch diejenigen, die einfach nur ihren Job machten, ohne besonders stolz oder skeptisch zu sein, rauchten auch. Sich den gleichen Genuss wie alle anderen leisten können. Mit einem glühenden Stängel im Mund Rauch kräftig in die Lungen einzuatmen und ihn dann durch Mund, Rachen und Nase wieder hinauszublasen, das war nun mal Inbegriff von Genuss, ein Lebensgefühl.
Gut, heute wird Lebensgefühl anders performt.
Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Rauchen
„Ich denke, du bist Nichtraucherin?“, fragt die Enkelin ihre Oma. Diese steht mit zwei anderen Freundinnen auf dem Balkon, Zigarettenpackung, Feuerzeug und Handy in der Hand, während ein Aschenbecher herumgereicht wird. Sie feiert heute ihren 75. Geburtstag, und die, die jetzt drinnen sitzen, vor allem Männer, schauen den drei Frauen sehnsuchtsvoll zu.
Das siebenjährige Mädchen schaut weiterhin verdutzt. „Oma, was bist du denn jetzt?“ Die Antwort kommt nicht direkt, darum verschwindet die Kleine erst einmal wieder, es ist ihr zu kalt.
„Nichtraucherin? Ich weiß nicht, wann ich das sagen könnte. Selbst wenn ich heute nur noch ganz selten eine Zigarette rauche. Das heißt noch lange nicht, das Gefühl zu haben, eine Nichtraucherin zu sein. Die meisten von uns täten es doch auch immer noch gerne. Sie tun oder trauen es sich nicht mehr, sitzen quasi auf der Ersatzbank. Aber mit dem Herzen sind sie noch dabei. Auch wenn das genau das Organ ist, weswegen sie es sich verkneifen müssen.“
„Wirkliche Nichtraucher sind nur die, die immer schon behaupteten: ‚Ich verstehe nicht, wieso man Rauchen überhaupt gut finden kann.‘ Die dürfen sich Nichtraucher nennen. Aber die, die spontan antworten: ‚Ich verstehe Raucher gut‘, bei denen ist es anders.“
Die Freundinnen, die sich seit Studienzeiten kennen, sind sich einig. Auch wenn es heute keine triftigen Gründe mehr für das Rauchen gibt. Es sind andere Gründe, die schon lange zurückliegen, aber ein bisschen immer noch nachklingen. Irgendwie hatte es bei ihnen auch damit zu tun, etwas für eine bessere Welt tun zu wollen, die Welt retten zu wollen. Rauchen, das hieß auch, das Leid über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung auf der Welt mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu versehen. Wer das Übel dieser Welt fest im Blick hatte, stellte doch nicht die Sorge um die eigene Gesundheit darüber. Zigarettenqualm gehörte einfach dazu. In klarer Luft ohne Rauch klug daherreden kann jeder. Aber das bleibt doch immer nur Theorie. Die Wirklichkeit ist vielschichtig, geheimnisvoll und vernebelt.
Weswegen auch alle, die sich dem Kreativen zugehörig fühlten, zu den Rauchern gehörten. Ein Leben für die Kunst, alles für die Kunst zu geben, das ließ sich vor allem mit etwas leicht Glühendem in der Hand unterstreichen. Das ewige Suchen, Streben, Zweifeln, dazu passen die Rauchschwaden. Brecht, Mann, Beuys, Sartre, Camus …
Aber auch diejenigen, die mit dieser Welt sehr zufrieden waren, rauchten. Sie waren stolz darauf zu wissen, wie sich in dieser Welt sehr gut Geschäfte machen ließen, und waren stolz auf sich selbst. Rauchen, das war auch eine Art, es sich gut gehen zu lassen, sich für Getanes und Geschafftes zu belohnen. Doch diejenigen, die einfach nur ihren Job machten, ohne besonders stolz oder skeptisch zu sein, rauchten auch. Sich den gleichen Genuss wie alle anderen leisten können. Mit einem glühenden Stängel im Mund Rauch kräftig in die Lungen einzuatmen und ihn dann durch Mund, Rachen und Nase wieder hinauszublasen, das war nun mal Inbegriff von Genuss, ein Lebensgefühl.
Gut, heute wird Lebensgefühl anders performt.