Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Komme morgen
Steht da, einfach so. Wirklich? Sie kann nicht glauben, was sie liest, nimmt ihr Smartphone ein Stückchen näher an die Augen, aber es stimmt. Er schreibt tatsächlich ‚Komme morgen‘.
Und nun? Es ist nicht so, dass sie ihn vergessen hat, wahrlich nicht, ganz und gar nicht, wie auch? Vielmehr hat sie immer wieder darüber nachgedacht, ob er, ja, ob er sie womöglich vergessen hat oder vergessen möchte. Irgendeinen Grund muss es ja geben, dass er einfach abgetaucht ist nach einer ziemlich guten Zeit, einer verdammt guten Zeit. In denen alles gestimmt hat. Und dann, nach einem kurzen Frühstück wie immer, nur schwarzer Kaffee und ein kleines Croissant dazu, ward er nicht mehr gesehen. Wenn sie gewusst hätte, dass es ihr letztes Frühstück gewesen ist, hätte sie am Abend zuvor vielleicht doch mehr nachgefragt, was denn eigentlich los ist. Aber sie war müde von der Arbeit wie schon die letzten Monate davor, immerzu fiel jemand im Team aus und sie musste viele Überstunden machen.
Dass Johannes irgendetwas bedrückt, war ihm schon anzusehen gewesen, aber wie er eben ist, geredet hat er nicht viel, sondern immer nur alles in sich reingestopft und mit sich selbst ausgemacht. Oder eben auch nicht. Als sie am Abend nach diesem Frühstück müde und geschafft nach Hause kam, war kein Johannes da und im Badezimmer und in seinem Schrank fehlte Einiges. Er ging nicht ans Telefon, beantworte keine Nachrichten, war von einem auf den anderen Tag verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Allein sein Geruch hing noch hier und dort, und sie fing an alles durchzuwaschen.
Keine Antworten, keine Nachrichten, nichts. Eine Woche, zwei Wochen, einen Monat. Und nun schreibt er einfach. ‚Komme morgen.‘
Geht‘s noch? Freut es sie? Spinnt er? Was soll sie machen? Was ist passiert? Ist er verrückt, abgeglitten, verschuldet, wird gesucht? Ist er ein anderer? Sie ist nicht verrückt, verschuldet, wird nicht gesucht und ziemlich gesund, wenn auch immer noch traurig, dass er nicht mehr da ist. Aber nein, mein lieber, seltsames Johannes, so nicht.
„19 Uhr in der Delphibar oder bleib‘ wo Du bist.“
Texte zum Alltäglichen -
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Komme morgen
Steht da, einfach so. Wirklich? Sie kann nicht glauben, was sie liest, nimmt ihr Smartphone ein Stückchen näher an die Augen, aber es stimmt. Er schreibt tatsächlich ‚Komme morgen‘.
Und nun? Es ist nicht so, dass sie ihn vergessen hat, wahrlich nicht, ganz und gar nicht, wie auch? Vielmehr hat sie immer wieder darüber nachgedacht, ob er, ja, ob er sie womöglich vergessen hat oder vergessen möchte. Irgendeinen Grund muss es ja geben, dass er einfach abgetaucht ist nach einer ziemlich guten Zeit, einer verdammt guten Zeit. In denen alles gestimmt hat. Und dann, nach einem kurzen Frühstück wie immer, nur schwarzer Kaffee und ein kleines Croissant dazu, ward er nicht mehr gesehen. Wenn sie gewusst hätte, dass es ihr letztes Frühstück gewesen ist, hätte sie am Abend zuvor vielleicht doch mehr nachgefragt, was denn eigentlich los ist. Aber sie war müde von der Arbeit wie schon die letzten Monate davor, immerzu fiel jemand im Team aus und sie musste viele Überstunden machen.
Dass Johannes irgendetwas bedrückt, war ihm schon anzusehen gewesen, aber wie er eben ist, geredet hat er nicht viel, sondern immer nur alles in sich reingestopft und mit sich selbst ausgemacht. Oder eben auch nicht. Als sie am Abend nach diesem Frühstück müde und geschafft nach Hause kam, war kein Johannes da und im Badezimmer und in seinem Schrank fehlte Einiges. Er ging nicht ans Telefon, beantworte keine Nachrichten, war von einem auf den anderen Tag verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Allein sein Geruch hing noch hier und dort, und sie fing an alles durchzuwaschen.
Keine Antworten, keine Nachrichten, nichts. Eine Woche, zwei Wochen, einen Monat. Und nun schreibt er einfach. ‚Komme morgen.‘
Geht‘s noch? Freut es sie? Spinnt er? Was soll sie machen? Was ist passiert? Ist er verrückt, abgeglitten, verschuldet, wird gesucht? Ist er ein anderer? Sie ist nicht verrückt, verschuldet, wird nicht gesucht und ziemlich gesund, wenn auch immer noch traurig, dass er nicht mehr da ist. Aber nein, mein lieber, seltsames Johannes, so nicht.
„19 Uhr in der Delphibar oder bleib‘ wo Du bist.“