Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Komme morgen
Sie legt das Handy beiseite. „Sorry, musste nur kurz gucken, wer da ist.“
Er nickt. Obwohl ihn diese ständigen Unterbrechungen nerven. Aber gut, Gelegenheit für einen Themenwechsel.
„Und wer war’s?“
Sie seufzt: „Meine liebe Schwester …“ Diese Mischung aus „meine liebe“ in Verbindung mit einem Seufzer heißt nichts Gutes, schon gar nicht bei der eigenen Familie.
„Meine Schwester schreibt: ‚Komme morgen.‘ Einfach so. Anfang des Jahres hat sie mal erwähnt, dass sie im Oktober vielleicht ins Rheinland muss. Und jetzt, Zack, diese Nachricht. So ist sie.“
Er kennt Ankes Schwester nur aus Erzählungen. Aber die reichen. Nicht einfach ihr Verhältnis. „Sag ihr doch: Bin nicht da.“
„Spinnst du? Das stimmt doch gar nicht.“
„Warum nicht? Ein Anruf, eine Einladung zum Kaffee und du bist nicht da.“
Sie greift wieder zum Handy, sichtlich hin- und hergerissen. “Was soll man schreiben, wenn man nicht lügen will, aber auch nicht die reine Wahrheit sagen kann?“
„Dann schaffst du eben eine neue, andere Nebenwahrheit. Schreib zum Beispiel: Wunderbar, da kannst du mir beim Anstreichen helfen.“
„Aber das stimmt doch auch nicht.“ Sie schaut ihn an wie ein Kind, das gerade erst gelernt hat, 'Man darf nicht lügen.'
Er zuckt mit den Schultern. „Diese kurze Kommunikation auf dem Handy lebt doch davon, dass nichts so richtig richtig ist, aber auch nichts richtig falsch. Zwei Wörter, tausend Möglichkeiten. Der amerikanische Präsident sagt: ‚Krieg beendet.‘ Und tags drauf sagt er: ‚Ich hab ja nicht gesagt wann. Und auch nicht genau, wie streng das kontrolliert wird. Also wird am nächsten Tag weiter geschossen, und er hat nicht gelogen.
Ein Kanzler sagt: ´Wir können unsere Versprechen leider nicht einhalten.' Versprechen sind eben bloß Versprechen. Da kann es auch schon passieren, dass man die nicht einhalten kann.
„Aber ich streiche morgen wirklich nicht.“
„Du sagst doch nur, dass du das vorhast. Das reicht vollkommen.“
Sie schaut ihn an, zögert, aber dann löscht sie den Text und beginnt zu tippen. „Irgendwie hast du ja recht. Meine Schwester macht es ähnlich. Im Sommer wollte ich sie in Italien besuchen. Antwort: ´Bin total im Projektstress.´ Einen Monat später wusste sie nichts mehr von dem Projekt. Da gab es aber schon ein neues, noch viel anstrengenderes Projekt. Genau genommen möchte ich meine Schwester schon ganz gerne treffen. Aber nicht wieder gleich von ihr überrannt werden, auch selber mal was bestimmen."
„Dann biete ihr doch ein Treffen nach Neujahr an. Wenn der Weihnachtswahnsinn vorbei ist. Pläne machen, Termine setzen, Nägel mit Köpfen das ist immer gut. Heißt aber nichts. Bis es soweit ist, hat sich bereits vieles geändert, läuft anders als ursprünglich geplant.“
Sie lächelt und tippt: Liebes Schwesterlein, was hältst du von einem Treffen Anfang Januar? Da hätte ich wirklich ganz viel Zeit für uns. Dann unterbricht sie doch noch mal: „Obwohl, Anfang Januar wollte ich vielleicht wirklich was an meiner Wohnung machen.“
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Komme morgen
Sie legt das Handy beiseite. „Sorry, musste nur kurz gucken, wer da ist.“
Er nickt. Obwohl ihn diese ständigen Unterbrechungen nerven. Aber gut, Gelegenheit für einen Themenwechsel.
„Und wer war’s?“
Sie seufzt: „Meine liebe Schwester …“ Diese Mischung aus „meine liebe“ in Verbindung mit einem Seufzer heißt nichts Gutes, schon gar nicht bei der eigenen Familie.
„Meine Schwester schreibt: ‚Komme morgen.‘ Einfach so. Anfang des Jahres hat sie mal erwähnt, dass sie im Oktober vielleicht ins Rheinland muss. Und jetzt, Zack, diese Nachricht. So ist sie.“
Er kennt Ankes Schwester nur aus Erzählungen. Aber die reichen. Nicht einfach ihr Verhältnis. „Sag ihr doch: Bin nicht da.“
„Spinnst du? Das stimmt doch gar nicht.“
„Warum nicht? Ein Anruf, eine Einladung zum Kaffee und du bist nicht da.“
Sie greift wieder zum Handy, sichtlich hin- und hergerissen. “Was soll man schreiben, wenn man nicht lügen will, aber auch nicht die reine Wahrheit sagen kann?“
„Dann schaffst du eben eine neue, andere Nebenwahrheit. Schreib zum Beispiel: Wunderbar, da kannst du mir beim Anstreichen helfen.“
„Aber das stimmt doch auch nicht.“ Sie schaut ihn an wie ein Kind, das gerade erst gelernt hat, 'Man darf nicht lügen.'
Er zuckt mit den Schultern. „Diese kurze Kommunikation auf dem Handy lebt doch davon, dass nichts so richtig richtig ist, aber auch nichts richtig falsch. Zwei Wörter, tausend Möglichkeiten. Der amerikanische Präsident sagt: ‚Krieg beendet.‘ Und tags drauf sagt er: ‚Ich hab ja nicht gesagt wann. Und auch nicht genau, wie streng das kontrolliert wird. Also wird am nächsten Tag weiter geschossen, und er hat nicht gelogen.
Ein Kanzler sagt: ´Wir können unsere Versprechen leider nicht einhalten.' Versprechen sind eben bloß Versprechen. Da kann es auch schon passieren, dass man die nicht einhalten kann.
„Aber ich streiche morgen wirklich nicht.“
„Du sagst doch nur, dass du das vorhast. Das reicht vollkommen.“
Sie schaut ihn an, zögert, aber dann löscht sie den Text und beginnt zu tippen. „Irgendwie hast du ja recht. Meine Schwester macht es ähnlich. Im Sommer wollte ich sie in Italien besuchen. Antwort: ´Bin total im Projektstress.´ Einen Monat später wusste sie nichts mehr von dem Projekt. Da gab es aber schon ein neues, noch viel anstrengenderes Projekt. Genau genommen möchte ich meine Schwester schon ganz gerne treffen. Aber nicht wieder gleich von ihr überrannt werden, auch selber mal was bestimmen."
„Dann biete ihr doch ein Treffen nach Neujahr an. Wenn der Weihnachtswahnsinn vorbei ist. Pläne machen, Termine setzen, Nägel mit Köpfen das ist immer gut. Heißt aber nichts. Bis es soweit ist, hat sich bereits vieles geändert, läuft anders als ursprünglich geplant.“
Sie lächelt und tippt: Liebes Schwesterlein, was hältst du von einem Treffen Anfang Januar? Da hätte ich wirklich ganz viel Zeit für uns. Dann unterbricht sie doch noch mal: „Obwohl, Anfang Januar wollte ich vielleicht wirklich was an meiner Wohnung machen.“