Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Ganz nebenbei
So leid es mir tut, aber ich muss bei diesen beiden Wörtern ganz tief in die Erinnerungskiste greifen. Gerne mache ich es nicht, aber ehrlich möchte ich schon sein. Und leicht fällt es mir auch nicht, denn ich werde über meine Schwester erzählen, meine ältere Schwester, nicht über die beiden jüngeren. Wir waren vier Mädchen zuhause, und natürlich hat sich Vater bei jeder Geburt einen Jungen gewünscht, einen Olaf. Meine Mutter ist Schwedin, deshalb der nordische Name. Viermal wurde es kein Olaf, was meine Mutter nicht wirklich betrübte, aber Vater schon.
Er war lieb zu uns auf seine Weise, er lobte, wenn wir was richtig machten, und er war ziemlich streng bei allem anderen. Also die meiste Zeit in der Kindheit und erst recht später dann in der Pubertät. Vier Mädchen und dazu eine oft kränkelnde Frau. Ich denke, er hat uns schon lieb gehabt, aber wir waren halt kein Olaf.
Birgitta, die Älteste von uns, traf es wohl am Schlimmsten, oder sie hat es zumindest so empfunden. Optisch eher aus der Reihe geschlagen und wegen ihrem leicht stämmigen Körper und den etwas herben Gesichtszügen hätte sie leicht als Junge durchgehen können. Und so versuchte sie von klein auf dieses optische Missgeschick auszugleichen und der gewünschte Sohn zu sein. War im Kindergarten und in der Schule immer die Beste, machte die Ausbildung, die Vater sich von ihr wünschte, trat in seine Firma ein und wird sie eines Tages auch übernehmen. Hat einen etwas älteren Mann geheiratet, der schon in der Firma als Lehrling begonnen und sich hochgearbeitet hat. Beide lassen sich heute noch von Vater herum schupsen sowohl im Betrieb als auch privat.
Aber die Haupteigenschaft meiner älteren Schwester ist … genau … schon früh gelernt zu haben, fast alles so ganz nebenbei zu machen, dass es gar nicht auffällt. Alles wirkt so mühelos, ihre Ausbildungen genauso wie Alltägliches. Auch bei einem zehn-Stunden Job sieht sie immer wie aus dem Ei gepellt aus, nie ein Fleck auf ihrer Kleidung, Finger und Fußnägel immer tipp top manikürt. Versicherungsverträge werden jährlich geprüft, Keller, Waschküche und Dachboden ihres schicken Einfamilienhauses sind sieben Tage und vierundzwanzig Stunden ordentlich aufgeräumt, nie sieht man ihr an, dass etwas nicht geht. Nie hört man ein Stöhnen, Fluchen oder gar einen Wutausbruch von ihr. Das würde Vater nie dulden, und um seine Liebe geht es schließlich in ihrem Leben. Nur deshalb hat sie die Kraft für all die vielen‚ ganz Nebenbei‘s.
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Ganz nebenbei
So leid es mir tut, aber ich muss bei diesen beiden Wörtern ganz tief in die Erinnerungskiste greifen. Gerne mache ich es nicht, aber ehrlich möchte ich schon sein. Und leicht fällt es mir auch nicht, denn ich werde über meine Schwester erzählen, meine ältere Schwester, nicht über die beiden jüngeren. Wir waren vier Mädchen zuhause, und natürlich hat sich Vater bei jeder Geburt einen Jungen gewünscht, einen Olaf. Meine Mutter ist Schwedin, deshalb der nordische Name. Viermal wurde es kein Olaf, was meine Mutter nicht wirklich betrübte, aber Vater schon.
Er war lieb zu uns auf seine Weise, er lobte, wenn wir was richtig machten, und er war ziemlich streng bei allem anderen. Also die meiste Zeit in der Kindheit und erst recht später dann in der Pubertät. Vier Mädchen und dazu eine oft kränkelnde Frau. Ich denke, er hat uns schon lieb gehabt, aber wir waren halt kein Olaf.
Birgitta, die Älteste von uns, traf es wohl am Schlimmsten, oder sie hat es zumindest so empfunden. Optisch eher aus der Reihe geschlagen und wegen ihrem leicht stämmigen Körper und den etwas herben Gesichtszügen hätte sie leicht als Junge durchgehen können. Und so versuchte sie von klein auf dieses optische Missgeschick auszugleichen und der gewünschte Sohn zu sein. War im Kindergarten und in der Schule immer die Beste, machte die Ausbildung, die Vater sich von ihr wünschte, trat in seine Firma ein und wird sie eines Tages auch übernehmen. Hat einen etwas älteren Mann geheiratet, der schon in der Firma als Lehrling begonnen und sich hochgearbeitet hat. Beide lassen sich heute noch von Vater herum schupsen sowohl im Betrieb als auch privat.
Aber die Haupteigenschaft meiner älteren Schwester ist … genau … schon früh gelernt zu haben, fast alles so ganz nebenbei zu machen, dass es gar nicht auffällt. Alles wirkt so mühelos, ihre Ausbildungen genauso wie Alltägliches. Auch bei einem zehn-Stunden Job sieht sie immer wie aus dem Ei gepellt aus, nie ein Fleck auf ihrer Kleidung, Finger und Fußnägel immer tipp top manikürt. Versicherungsverträge werden jährlich geprüft, Keller, Waschküche und Dachboden ihres schicken Einfamilienhauses sind sieben Tage und vierundzwanzig Stunden ordentlich aufgeräumt, nie sieht man ihr an, dass etwas nicht geht. Nie hört man ein Stöhnen, Fluchen oder gar einen Wutausbruch von ihr. Das würde Vater nie dulden, und um seine Liebe geht es schließlich in ihrem Leben. Nur deshalb hat sie die Kraft für all die vielen‚ ganz Nebenbei‘s.