Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Durchschnitt
„Oder so etwas, das ist was anderes als der Durchschnitt trägt.“ Der Satz ging ihm nicht aus dem Kopf, als ihm der Verkäufer ein Jackett in Fliederfarbe zeigte. Mit einem 'Da bin ich mir noch nicht sicher' hatte er dann den Laden wieder verlassen.
Anders als der Durchschnitt, wie wichtig war das früher gewesen. Bloß nicht wie der Durchschnitt sein. Was aber ist der Durchschnitt? Klar, bestimmte Automarken, Kleidungsstücke, Haarschnitte, Schuhe und Brillenmodelle, Berufe, Gartenzäune, Gardinen, Garagentore gehörten dazu. Jedenfalls ging es ihm und allen seinen Altersgenossen vor allem darum, möglichst auffällige Alternativmodelle zu tragen, allem voran Strubbelhaarfrisur, Nickelbrille, Sandale oder Clogs ganzjährig, abgetragene, bekritzelte Taschen, kleine, krumme Zigaretten, später dann klapprige Autos mit möglichst viel Rost und Aufklebern am Heck.
War man dann unter sich, wurde über das, was Durchschnitt ausmacht, erneut diskutiert. In der WG wurde gefragt, Badezimmertür auf oder abschließen, Lebensmittelabrechnungen nach Verbrauch oder Bedürftigkeit, Partnerschaftstreue männer- oder auch frauenbestimmt, dröhnende Musik zu tiefnächtlicher Zeit ist rücksichtslos oder sensible Selbstfindung? Oder auf einer Friedensdemo: noch radikaler eingestellt, noch besorgter um den Zustand der Welt als alle um einen herum? Und auf dem Musikfestival: noch zugedröhnter und noch wilder, noch alberner als alle anderen?
Und heute? Mal wieder Stau um Köln. Er drückt gelangweilt den Schalter des Bordcomputers. Durchschnittsgeschwindigkeit, durchschnittlicher Spritverbrauch. Heute Morgen im Badezimmer hatte er bereits seine Smartwatch-App befragt: durchschnittliche Blutdruckwerte, durchschnittlich gelaufene Kilometer. Schlafzeit, Herzfrequenz, dazu der Kalorienverbrauch. Alles glücklicherweise noch im Jahresdurchschnitts-Bereich.
Am Frühstückstisch hatte es noch eine heiße Diskussion gegeben.
„Ich werde das Abitur schaffen, macht euch mal keine Sorgen“, hatte sie argumentiert.
„Aber mit welchem Durchschnitt?“, hatten sie gefragt.
Und dann war da noch die Frage nach den Kosten der Abifeier. Alles ziemlich teuer heutzutage, der Saal, das Buffet, die kleidungsmäßige Ausstattung aller Beteiligten. Sie hatte behauptet, mit ihren Planungen zwanzig Prozent unter dem Durchschnitt zu liegen, was sonst an deutschen Schulen ausgegeben wird. Als er dann von den Abikosten seiner Schulzeit schwärmte, ein Kasten Bier, wurde die Diskussion abgebrochen.
Nichts ist mehr wie früher. Gut, mit dieser Feststellung beginnt heutzutage nahezu jedes ernste Gespräch, das gehört einfach zum guten Ton. Genauso wie die neuesten Konjunkturprognosen aus dem Radio, die er gerade hört: Es geht um kleinste Auf- oder Abwärtstrends, Vergleiche zum Zeitraum des Vorjahrs. Die neuesten Zahlen, der durchschnittlicher Verbrauch von Fleisch, Alkohol, Pauschalreisen, Flugkilometer, dazu die Sommertemperaturen, Niederschläge, Schmelzwassermengen. Durchschnitt als Beweis für Veränderungen.
Aber eine fliederfarbenes Jackett allein für nur eine Abiturfeier, lohnt sich das? Und würde ihn seine Tochter dann nicht anflehen: „Paps, versuch bitte nicht, dich vom Durchschnitt abzuheben, nicht an diesem Abend.“
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Durchschnitt
„Oder so etwas, das ist was anderes als der Durchschnitt trägt.“ Der Satz ging ihm nicht aus dem Kopf, als ihm der Verkäufer ein Jackett in Fliederfarbe zeigte. Mit einem 'Da bin ich mir noch nicht sicher' hatte er dann den Laden wieder verlassen.
Anders als der Durchschnitt, wie wichtig war das früher gewesen. Bloß nicht wie der Durchschnitt sein. Was aber ist der Durchschnitt? Klar, bestimmte Automarken, Kleidungsstücke, Haarschnitte, Schuhe und Brillenmodelle, Berufe, Gartenzäune, Gardinen, Garagentore gehörten dazu. Jedenfalls ging es ihm und allen seinen Altersgenossen vor allem darum, möglichst auffällige Alternativmodelle zu tragen, allem voran Strubbelhaarfrisur, Nickelbrille, Sandale oder Clogs ganzjährig, abgetragene, bekritzelte Taschen, kleine, krumme Zigaretten, später dann klapprige Autos mit möglichst viel Rost und Aufklebern am Heck.
War man dann unter sich, wurde über das, was Durchschnitt ausmacht, erneut diskutiert. In der WG wurde gefragt, Badezimmertür auf oder abschließen, Lebensmittelabrechnungen nach Verbrauch oder Bedürftigkeit, Partnerschaftstreue männer- oder auch frauenbestimmt, dröhnende Musik zu tiefnächtlicher Zeit ist rücksichtslos oder sensible Selbstfindung? Oder auf einer Friedensdemo: noch radikaler eingestellt, noch besorgter um den Zustand der Welt als alle um einen herum? Und auf dem Musikfestival: noch zugedröhnter und noch wilder, noch alberner als alle anderen?
Und heute? Mal wieder Stau um Köln. Er drückt gelangweilt den Schalter des Bordcomputers. Durchschnittsgeschwindigkeit, durchschnittlicher Spritverbrauch. Heute Morgen im Badezimmer hatte er bereits seine Smartwatch-App befragt: durchschnittliche Blutdruckwerte, durchschnittlich gelaufene Kilometer. Schlafzeit, Herzfrequenz, dazu der Kalorienverbrauch. Alles glücklicherweise noch im Jahresdurchschnitts-Bereich.
Am Frühstückstisch hatte es noch eine heiße Diskussion gegeben.
„Ich werde das Abitur schaffen, macht euch mal keine Sorgen“, hatte sie argumentiert.
„Aber mit welchem Durchschnitt?“, hatten sie gefragt.
Und dann war da noch die Frage nach den Kosten der Abifeier. Alles ziemlich teuer heutzutage, der Saal, das Buffet, die kleidungsmäßige Ausstattung aller Beteiligten. Sie hatte behauptet, mit ihren Planungen zwanzig Prozent unter dem Durchschnitt zu liegen, was sonst an deutschen Schulen ausgegeben wird. Als er dann von den Abikosten seiner Schulzeit schwärmte, ein Kasten Bier, wurde die Diskussion abgebrochen.
Nichts ist mehr wie früher. Gut, mit dieser Feststellung beginnt heutzutage nahezu jedes ernste Gespräch, das gehört einfach zum guten Ton. Genauso wie die neuesten Konjunkturprognosen aus dem Radio, die er gerade hört: Es geht um kleinste Auf- oder Abwärtstrends, Vergleiche zum Zeitraum des Vorjahrs. Die neuesten Zahlen, der durchschnittlicher Verbrauch von Fleisch, Alkohol, Pauschalreisen, Flugkilometer, dazu die Sommertemperaturen, Niederschläge, Schmelzwassermengen. Durchschnitt als Beweis für Veränderungen.
Aber eine fliederfarbenes Jackett allein für nur eine Abiturfeier, lohnt sich das? Und würde ihn seine Tochter dann nicht anflehen: „Paps, versuch bitte nicht, dich vom Durchschnitt abzuheben, nicht an diesem Abend.“