Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Durcheinander
Sie haben ja keine Vorstellung, was heute wieder bei uns los ist. Nur deshalb, weil sie oder ihre Frau, aber ich schätze, es war ihre Jüngste, mich mal wieder falsch abgelegt hat.
Als kleiner Löffel gehöre ich zu den anderen kleinen Löffeln, achtzehn an der Zahl sind wir. Seit ich denken kann und seit ich aus dem wunderbar weich gepolsterten Besteck-Karton genommen, vom feinen Seidenpapier befreit und in das, zugegebenermaßen doch recht harte und leider überhaupt nicht gepolsterte Fach für kleine Löffel in die Küchenschublade gelegt wurde. Zusammen mit meinen siebzehn anderen Kollegen. Streng getrennt von den großen Löffeln, den großen und kleinen Messern, großen und kleinen Gabeln. In mehreren Extrafächern liegen Sonderexemplare wie Kuchenschaufeln, Braten- und Wurstgabeln, Fischbesteck, Käsemesser, Sahn- und Eislöffel. Diese beiden, und damit verrate ich jetzt ein kleines Geheimnis, fühlen sich wirklich als etwas sehr Besonderes. Können ja auch meist lange liegenbleiben, so selten wie sie gebraucht werden.
Aber wir anderen? Speziell wir kleinen Löffel? Immerzu wird nach uns gegriffen, zum Tee und Kaffee, zum Bratensauce, Honig und Marmelade naschen, zum einfach mal schnell was probieren, zum Joghurt und Eis löffeln. Wobei das nur die drei Kinder machen, wenn sie in Eile sind. Denn natürlich gibt es hier bei uns in der Schublade weiter hinten spezielle kleine Eislöffel mit ganz runden Kappen. Die fühlen sich wie ihre größeren Geschwister auch so ganz besonders, dass ich sie rundum und ausnahmslos überhaupt nicht ausstehen kann.
Normalerweise liegen wir jeder in seinem Fach, in Reih und Glied hätte ich beinahe gesagt, nein das tun wir nur, wenn wir im Besteck-Fach der Geschirrspülmaschine liegen. Aber hier in der dunklen Schublade liegen wir eng nebeneinander, den Kopf immer schön nach oben. Es sei denn, jemand von der Familie hat es mal wieder eilig oder ist in Gedanken woanders, ja dann passiert eben das, was gerade eben passiert ist. Ich lande neben den kleinen Gabeln. ‚Pieks‘ machte es und Aua. Was lobe ich mir da doch meine lieben kleinen runden Artgenossen. Aber alleine komme ich nicht rüber, obwohl sie gleich nebenan liegen.
Schon höre ich sie rufen: „Was willst du da? Mach‘ rüber!"
Aber ich habe keine Chance und liege hier neben den spitzen Teilen und muss mir ihr Meckern und Stöhnen anhören.
Nur eine von ihnen scheint Mitleid zu haben: "Ach du Armer, hoffentlich wirst du bald rausgeholt.“
So ein Durcheinander in der Besteck-Schublade ist nicht ohne, aber das können sie ja nicht wissen. Wir hier im Dunkeln haben nämlich auch unser eigenes Leben.
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Durcheinander
Sie haben ja keine Vorstellung, was heute wieder bei uns los ist. Nur deshalb, weil sie oder ihre Frau, aber ich schätze, es war ihre Jüngste, mich mal wieder falsch abgelegt hat.
Als kleiner Löffel gehöre ich zu den anderen kleinen Löffeln, achtzehn an der Zahl sind wir. Seit ich denken kann und seit ich aus dem wunderbar weich gepolsterten Besteck-Karton genommen, vom feinen Seidenpapier befreit und in das, zugegebenermaßen doch recht harte und leider überhaupt nicht gepolsterte Fach für kleine Löffel in die Küchenschublade gelegt wurde. Zusammen mit meinen siebzehn anderen Kollegen. Streng getrennt von den großen Löffeln, den großen und kleinen Messern, großen und kleinen Gabeln. In mehreren Extrafächern liegen Sonderexemplare wie Kuchenschaufeln, Braten- und Wurstgabeln, Fischbesteck, Käsemesser, Sahn- und Eislöffel. Diese beiden, und damit verrate ich jetzt ein kleines Geheimnis, fühlen sich wirklich als etwas sehr Besonderes. Können ja auch meist lange liegenbleiben, so selten wie sie gebraucht werden.
Aber wir anderen? Speziell wir kleinen Löffel? Immerzu wird nach uns gegriffen, zum Tee und Kaffee, zum Bratensauce, Honig und Marmelade naschen, zum einfach mal schnell was probieren, zum Joghurt und Eis löffeln. Wobei das nur die drei Kinder machen, wenn sie in Eile sind. Denn natürlich gibt es hier bei uns in der Schublade weiter hinten spezielle kleine Eislöffel mit ganz runden Kappen. Die fühlen sich wie ihre größeren Geschwister auch so ganz besonders, dass ich sie rundum und ausnahmslos überhaupt nicht ausstehen kann.
Normalerweise liegen wir jeder in seinem Fach, in Reih und Glied hätte ich beinahe gesagt, nein das tun wir nur, wenn wir im Besteck-Fach der Geschirrspülmaschine liegen. Aber hier in der dunklen Schublade liegen wir eng nebeneinander, den Kopf immer schön nach oben. Es sei denn, jemand von der Familie hat es mal wieder eilig oder ist in Gedanken woanders, ja dann passiert eben das, was gerade eben passiert ist. Ich lande neben den kleinen Gabeln. ‚Pieks‘ machte es und Aua. Was lobe ich mir da doch meine lieben kleinen runden Artgenossen. Aber alleine komme ich nicht rüber, obwohl sie gleich nebenan liegen.
Schon höre ich sie rufen: „Was willst du da? Mach‘ rüber!"
Aber ich habe keine Chance und liege hier neben den spitzen Teilen und muss mir ihr Meckern und Stöhnen anhören.
Nur eine von ihnen scheint Mitleid zu haben: "Ach du Armer, hoffentlich wirst du bald rausgeholt.“
So ein Durcheinander in der Besteck-Schublade ist nicht ohne, aber das können sie ja nicht wissen. Wir hier im Dunkeln haben nämlich auch unser eigenes Leben.