Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Durcheinander
Es ist mal wieder so weit: das jährliche Familientreffen am zweiten Weihnachtstag bei Mutter zu Hause. So gegen 16 Uhr trudeln alle ein, jeder bringt was mit. Und da ist es wieder, dieses unverwechselbare Gefühl, das so nur zu diesem Tag und hier zu Hause entsteht. Auch wenn die Familie mittlerweile gewachsen ist: vier erwachsenen Kinder mit ihren Partner und Partnerinnen, acht Enkel und zwei Hunde. Alles trifft sich im alten Elternhaus. Nur einer ist nicht mehr dabei. Vater hat sich vor vier Jahren mit den Worten verabschiedet: „Ist mir zu viel Durcheinander.“
Um halb fünf klingelt es erneut.
„Mach doch einer mal die Tür auf?“
„Wieso, es haben doch alle einen Hausschlüssel?“
„Vielleicht gerade nicht zu Hand.“
„Wir haben doch 16.00 Uhr gesagt, wieso kommen die denn jetzt so spät?
„Das sind nicht die, das ist dein Bruder mit seiner Familie.
Mutter überhört die kleinen Sticheleien und öffnet selbst.
„Wie sieht es denn hier aus? Fast wie in einer Flüchtlingsunterkunft. Wo können wir die Sachen abstellen?“
Zwischen unzähligen Taschen, Mänteln, Schuhen finden jetzt die Umarmungen statt, trotz irgendwelcher Geschenke oder Blumen, die dabei etwas hinderlich sind. Die Enkel stürmen auf ihre Oma zu, ein flüchtiges Guten Tag muss reichen, dann geht es ins Wohnzimmer. Die Schwiegertochter überreicht der Schwiegermutter eine Amaryllis im Topf:
„Ach wie schön, eine Amaryllis, die stelle ich zu den acht anderen“.„Du hast doch gesagt, dass du sie so gerne magst“, versucht der Sohn seiner Frau zur Seite zu stehen.
„Ja, und offenbar habe ich das allen ehemaligen Patientinnen, unseren Nachbarn und meinen Freundinnen auch erzählt.“
Wenig später werden in der Küche Kuchen und Kaffee vorbereitet
„Habt ihr auch laktosefreien Kuchen? Graciella hat doch eine Allergie.“
„Nein, aber der Kuchen ist garantiert vegetarisch, wir haben das Gehackte extra weggelassen.“
„Du bist unmöglich.“
Nein, mal im Ernst habt ihr denn eine sichere Diagnose für Graciella?“
„Nein, aber die kommt sicher bald, ich spür so was.“
„Gibt es auch entkoffeinierten Kaffee?“
„Für mich bitte richtigen Kaffee. Den brauche ich, um Nachmittage wie diese durchzustehen.“
„Habt ihr auch Hafermilch?“
„Nein, nur Büchsenmilch.“
„Was kriegen denn die Kleinen zu trinken?“
„Ich habe extra eine Kiste Cola kommen lassen, die steht im Keller.“
„Bist du denn des Wahnsinns, Mutter, hast du keinen Kakao im Haus?“
„Hab ich auch, Nesquick, das habt ihr doch früher immer so gerne getrunken.“
„Doch nicht etwa das Zuckerzeug vom größten Lebensmittelkonzern der Welt.“
Irgendwann stehen sechs Kannen auf die Tisch: zwei unterschiedlichen Tees, zwei Kaffees und zwei Kakaos. Die Kuchen sind sortiert: Glutenfrein, Vegan, mit Nüssen, ohne Nüsse. Nur der von Mutter ist kompromisslos: Mehl, viel Zucker, viel Butter und karamellisierte Mandeln.
„Was gibt es eigentlich heute Abend zu essen?“
„Ich bin jetzt schon satt.“
„Bist du nicht in der Familiengruppe?
„In welcher, es gibt mehrere.“
Es werden Handys gezückt und Nachrichten verglichen.
„Hier steht es: Jeder bringt was mit, Vorspeisen Salate, Hauptspeisen, Nachspeisen“
„Gibt es auch was ohne Fleisch?“
„Weihnachtsessen ohne Fleisch? Wo gibt es denn so was. Das ist wie Omelett ohne Ei – wie Ehe ohne Mann.“
„Wieso, ist doch eine schöne Vorstellung. Geht doch auch.“
„Ja – bis dein Auto nicht mehr anspringt. Dann ist der Mann im Mann wieder gefragt.“
„Das ruft den Ehrgeiz des Mannes hervor – um nicht als Versager dazustehen.“
„Wenn er nicht anspringt.“
„Wer, der Mann oder der Vergaser?“
„Die neuen Elektroautos haben gar keinen Vergaser mehr.“
„Die sind ja auch irgendwie geschlechtslos.“
„Finde ich auch. Richtige Verbrenner sind irgendwie schon männlicher.“
„Solche Sprüche gehen gar nicht. Sei froh, dass unsere Älteste das nicht gehört hat. Die wird dir was erzählen.“
„Wo sind die Kinder eigentlich?“
„Mit Oma im Keller.“
„Was machen die denn da?“
Weiß nicht, sie wollte ihnen was zeigen.“
„Seid ihr verrückt, ihr könnt die Kinder doch nicht allein mit Oma lassen. Sie hat doch gesagt, dass sie im Keller einen Kiste Cola stehen hat. Warum hat denn keiner Oma im Blick?“
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Durcheinander
Es ist mal wieder so weit: das jährliche Familientreffen am zweiten Weihnachtstag bei Mutter zu Hause. So gegen 16 Uhr trudeln alle ein, jeder bringt was mit. Und da ist es wieder, dieses unverwechselbare Gefühl, das so nur zu diesem Tag und hier zu Hause entsteht. Auch wenn die Familie mittlerweile gewachsen ist: vier erwachsenen Kinder mit ihren Partner und Partnerinnen, acht Enkel und zwei Hunde. Alles trifft sich im alten Elternhaus. Nur einer ist nicht mehr dabei. Vater hat sich vor vier Jahren mit den Worten verabschiedet: „Ist mir zu viel Durcheinander.“
Um halb fünf klingelt es erneut.
„Mach doch einer mal die Tür auf?“
„Wieso, es haben doch alle einen Hausschlüssel?“
„Vielleicht gerade nicht zu Hand.“
„Wir haben doch 16.00 Uhr gesagt, wieso kommen die denn jetzt so spät?
„Das sind nicht die, das ist dein Bruder mit seiner Familie.
Mutter überhört die kleinen Sticheleien und öffnet selbst.
„Wie sieht es denn hier aus? Fast wie in einer Flüchtlingsunterkunft. Wo können wir die Sachen abstellen?“
Zwischen unzähligen Taschen, Mänteln, Schuhen finden jetzt die Umarmungen statt, trotz irgendwelcher Geschenke oder Blumen, die dabei etwas hinderlich sind. Die Enkel stürmen auf ihre Oma zu, ein flüchtiges Guten Tag muss reichen, dann geht es ins Wohnzimmer. Die Schwiegertochter überreicht der Schwiegermutter eine Amaryllis im Topf:
„Ach wie schön, eine Amaryllis, die stelle ich zu den acht anderen“.„Du hast doch gesagt, dass du sie so gerne magst“, versucht der Sohn seiner Frau zur Seite zu stehen.
„Ja, und offenbar habe ich das allen ehemaligen Patientinnen, unseren Nachbarn und meinen Freundinnen auch erzählt.“
Wenig später werden in der Küche Kuchen und Kaffee vorbereitet
„Habt ihr auch laktosefreien Kuchen? Graciella hat doch eine Allergie.“
„Nein, aber der Kuchen ist garantiert vegetarisch, wir haben das Gehackte extra weggelassen.“
„Du bist unmöglich.“
Nein, mal im Ernst habt ihr denn eine sichere Diagnose für Graciella?“
„Nein, aber die kommt sicher bald, ich spür so was.“
„Gibt es auch entkoffeinierten Kaffee?“
„Für mich bitte richtigen Kaffee. Den brauche ich, um Nachmittage wie diese durchzustehen.“
„Habt ihr auch Hafermilch?“
„Nein, nur Büchsenmilch.“
„Was kriegen denn die Kleinen zu trinken?“
„Ich habe extra eine Kiste Cola kommen lassen, die steht im Keller.“
„Bist du denn des Wahnsinns, Mutter, hast du keinen Kakao im Haus?“
„Hab ich auch, Nesquick, das habt ihr doch früher immer so gerne getrunken.“
„Doch nicht etwa das Zuckerzeug vom größten Lebensmittelkonzern der Welt.“
Irgendwann stehen sechs Kannen auf die Tisch: zwei unterschiedlichen Tees, zwei Kaffees und zwei Kakaos. Die Kuchen sind sortiert: Glutenfrein, Vegan, mit Nüssen, ohne Nüsse. Nur der von Mutter ist kompromisslos: Mehl, viel Zucker, viel Butter und karamellisierte Mandeln.
„Was gibt es eigentlich heute Abend zu essen?“
„Ich bin jetzt schon satt.“
„Bist du nicht in der Familiengruppe?
„In welcher, es gibt mehrere.“
Es werden Handys gezückt und Nachrichten verglichen.
„Hier steht es: Jeder bringt was mit, Vorspeisen Salate, Hauptspeisen, Nachspeisen“
„Gibt es auch was ohne Fleisch?“
„Weihnachtsessen ohne Fleisch? Wo gibt es denn so was. Das ist wie Omelett ohne Ei – wie Ehe ohne Mann.“
„Wieso, ist doch eine schöne Vorstellung. Geht doch auch.“
„Ja – bis dein Auto nicht mehr anspringt. Dann ist der Mann im Mann wieder gefragt.“
„Das ruft den Ehrgeiz des Mannes hervor – um nicht als Versager dazustehen.“
„Wenn er nicht anspringt.“
„Wer, der Mann oder der Vergaser?“
„Die neuen Elektroautos haben gar keinen Vergaser mehr.“
„Die sind ja auch irgendwie geschlechtslos.“
„Finde ich auch. Richtige Verbrenner sind irgendwie schon männlicher.“
„Solche Sprüche gehen gar nicht. Sei froh, dass unsere Älteste das nicht gehört hat. Die wird dir was erzählen.“
„Wo sind die Kinder eigentlich?“
„Mit Oma im Keller.“
„Was machen die denn da?“
Weiß nicht, sie wollte ihnen was zeigen.“
„Seid ihr verrückt, ihr könnt die Kinder doch nicht allein mit Oma lassen. Sie hat doch gesagt, dass sie im Keller einen Kiste Cola stehen hat. Warum hat denn keiner Oma im Blick?“