Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Diese Gerüche
WIE
„Eltern haften für ihre Kinder.“ Dieser Satz war uns Kindern völlig unbekannt, und unsere Eltern waren mit anderen Sorgen beschäftigt. Das war Anfang der 60er. Jedenfalls boten Traktoren, Anhänger, Bagger und Kräne für uns reichlich Spielgelegenheiten, sobald der Feierabend eingeläutet war und alles stillstand. Man konnte in aller Ruhe die Geräte begutachten, auf ihnen herum klettern. Die riesigen, mannhohen Reifen, die offenliegenden Motoren, alles lag still vor einem, ohne sich zu bewegen, ohne Lärm wie beim Betrachten eines ausgestopften Großwilds.
Im Hochsommer war alles von intensivem Diesel- und Ölgeruch begleitet. Die Fahrzeuge waren der Sonne ausgesetzt und manches Kühlerblech so heiß, dass man es kaum anfassen konnte. Dieser Geruch von Diesel und Öl in der Sonne ist anders als der scharfe Dieselgeruch an Zapfsäulen. Zu dieser Geruchsmischung kamen noch weitere Komponenten hinzu. Je nach Baustelle mischte sich eine Note von frischem Teer hinzu. Bei den Erntemaschinen am Feldrand war es der Geruch von Kartoffel und frischer Erde. Und bei allem noch ein Hauch Kamille, die überall wucherte.
Alles in Allem eine Mischung, die zusammen mit Gezwitscher von Lerchen am Himmel einfach nur Glückseligkeit bedeutete. Sorgloses Spielen, teilweise an echten Fahrersitzen und Lenkrädern, mit Motorengeräusch aus dem eigenen Mund, begleitet von fliegender Spucke. Einfach nur schön.
Am Vormittag hatte ich noch meine Großmutter in ein Blumengeschäft in Friedhofsnähe begleitet. Bereits beim Betreten des Ladens schlug mir diese typische warme, feuchte, abgestandene Treibhausluft entgegen. Nicht viel anders als die Luft beim Betreten der Umkleidekabinen in Hallenschwimmbädern. Beides löst bei mir ein Gefühl von Eingesperrtsein aus. Ganz anders als bei meiner Großmutter, die zweimal wöchentlich in Hallenbädern schwimmen ging und auch in Blumenladen aufzublühen schien. Jedenfalls inhalierte sie bereits am Eingang den Blütengeruch, was von einem wohligen „Hmm“ begleitet wurde. Um dann ihre Nase in die erstbeste Rosenblüte zu stecken und gleich schon zur nächsten zu wechseln. Fast so wie diese typische Unentschlossenheit von Bienen und Hummeln, die vor lauter Nektarüberfluss nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Ich hingegen? Ich versuchte im Blumenladen möglichst flach zu atmen und dachte darüber nach, warum sich Geruchssinn nicht einfach verschließen lässt so wie die Augen. Denn mir direkt die Nase zuzuhalten, traute ich mich doch nicht. Ich versuchte, mir meinen einzigen akzeptablen Blütengeruch einzubilden: den von Kamille. Vielleicht ließe sich etwas frischer Teer und abgestandener Diesel hinzu fantasieren, um alles etwas erträglicher werden zu lassen.
Im Winter wurde es im Übrigen etwas erträglicher in diesem Blumenladen. Dann wurde mit einem dieser stark riechenden Ölöfen geheizt. Da habe ich mich etwas heimischer gefühlt.
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Diese Gerüche
WIE
„Eltern haften für ihre Kinder.“ Dieser Satz war uns Kindern völlig unbekannt, und unsere Eltern waren mit anderen Sorgen beschäftigt. Das war Anfang der 60er. Jedenfalls boten Traktoren, Anhänger, Bagger und Kräne für uns reichlich Spielgelegenheiten, sobald der Feierabend eingeläutet war und alles stillstand. Man konnte in aller Ruhe die Geräte begutachten, auf ihnen herum klettern. Die riesigen, mannhohen Reifen, die offenliegenden Motoren, alles lag still vor einem, ohne sich zu bewegen, ohne Lärm wie beim Betrachten eines ausgestopften Großwilds.
Im Hochsommer war alles von intensivem Diesel- und Ölgeruch begleitet. Die Fahrzeuge waren der Sonne ausgesetzt und manches Kühlerblech so heiß, dass man es kaum anfassen konnte. Dieser Geruch von Diesel und Öl in der Sonne ist anders als der scharfe Dieselgeruch an Zapfsäulen. Zu dieser Geruchsmischung kamen noch weitere Komponenten hinzu. Je nach Baustelle mischte sich eine Note von frischem Teer hinzu. Bei den Erntemaschinen am Feldrand war es der Geruch von Kartoffel und frischer Erde. Und bei allem noch ein Hauch Kamille, die überall wucherte.
Alles in Allem eine Mischung, die zusammen mit Gezwitscher von Lerchen am Himmel einfach nur Glückseligkeit bedeutete. Sorgloses Spielen, teilweise an echten Fahrersitzen und Lenkrädern, mit Motorengeräusch aus dem eigenen Mund, begleitet von fliegender Spucke. Einfach nur schön.
Am Vormittag hatte ich noch meine Großmutter in ein Blumengeschäft in Friedhofsnähe begleitet. Bereits beim Betreten des Ladens schlug mir diese typische warme, feuchte, abgestandene Treibhausluft entgegen. Nicht viel anders als die Luft beim Betreten der Umkleidekabinen in Hallenschwimmbädern. Beides löst bei mir ein Gefühl von Eingesperrtsein aus. Ganz anders als bei meiner Großmutter, die zweimal wöchentlich in Hallenbädern schwimmen ging und auch in Blumenladen aufzublühen schien. Jedenfalls inhalierte sie bereits am Eingang den Blütengeruch, was von einem wohligen „Hmm“ begleitet wurde. Um dann ihre Nase in die erstbeste Rosenblüte zu stecken und gleich schon zur nächsten zu wechseln. Fast so wie diese typische Unentschlossenheit von Bienen und Hummeln, die vor lauter Nektarüberfluss nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Ich hingegen? Ich versuchte im Blumenladen möglichst flach zu atmen und dachte darüber nach, warum sich Geruchssinn nicht einfach verschließen lässt so wie die Augen. Denn mir direkt die Nase zuzuhalten, traute ich mich doch nicht. Ich versuchte, mir meinen einzigen akzeptablen Blütengeruch einzubilden: den von Kamille. Vielleicht ließe sich etwas frischer Teer und abgestandener Diesel hinzu fantasieren, um alles etwas erträglicher werden zu lassen.
Im Winter wurde es im Übrigen etwas erträglicher in diesem Blumenladen. Dann wurde mit einem dieser stark riechenden Ölöfen geheizt. Da habe ich mich etwas heimischer gefühlt.