Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Diese Geräusche
WIE
Nur ein leises Summen ist zu hören, sonst ist alles dunkel. Es schwillt an und ab. Mal nah, dann wieder fern. Als es am lautesten ist, plötzliche Stille. Das blöde Vieh. Die Mücke hat sich jetzt auf mich gesetzt. Und ich weiß ich nicht wohin. Spätesten Morgen werde ich es sehen. Noch ein Versuch, kräftiges Zappeln am ganzen Körper. Da ist es wieder, das Summen. War sie wirklich auf mir. Gleich wird es wieder still, zweiter Versuch, dann gemeine, gefährliche Stille.
Zuhause kennt sie jedes Geräusch, es sind viele. Und sie braucht sie zum Einschlafen. Das Quietschen der Straßenbahn draußen vor der Tür, das Zufallen der Haustür im Treppenhaus, das Klappern der Aufzugstür, das Zuschlagen des Garagentors, leiseste Stimmen im Hinterhof. Im Sommer sind es mehr, wenn die Fenster offen stehen. Heute bei Oma ist alles anders. Hier hört sie gar nichts. Außer den Fernseher im Wohnzimmer. „Womit soll ich jetzt einschlafen?“ Sie versucht die Stimmen des Fernsehers zu überhören.
„Was meinst du, soll ich einen Nusskuchen backen, wenn Rebecca und Tina kommen?“ Schon holt sie die Backzutaten aus dem Schrank und nimmt jede Tüte einzeln in die Hand. Rosinen, Mandeln, Haselnüsse, Kokosflocken, Haferflocken, Schokostreusel, wer weiß, was das alles noch ist. Ihre Finger kneten die Tüten. Sie sucht das Ablaufdatum, das oft nur schwer zu finden ist. Er erträgt Knistergeräusche nur sehr schwer, ungefiltert, in dreifacher Lautstärke, als wären da ein Mikrofon und ein Kopfhörer direkt auf seinem Ohr.
„Warum hört man die Geräusche nicht, für die man selbst verantwortlich ist?“, fragt er laut.
Aber sie hört ihn nicht, ist zu sehr beschäftigt.
Zuerst ist es ihm nicht aufgefallen. Er sucht in dem erlesenen Bettengeschäft nach einer guten Matratze. Doch dann hört er es: Vogelgezwitscher. Es kann nicht echt sein, muss aus einem Lautsprecher kommen. Aber es hat seine Wirkung. Schon beim ersten Probeliegen möchte er gar nicht mehr aufstehen. Im nächsten Raum werden die Matratzen und Betten, diesmal von angenehmem Bachgeplätscher begleitet. Im dritten Verkaufsraum im Untergeschoss ist eine Bambusflöte zu hören, asiatische Stimmung.
„Verkaufen sie auch diese Wohlfühlklänge?“, fragt er den Verkäufer.
„Die können sie alle geschenkt haben, ich kann sie nicht mehr hören. Was glauben sie, wie ich mich freue, wenn ich abends die Straße betrete und mich Motoren und -Baustellenlärm empfängt, dazu ein paar Blaulichtsirenen und viele piepsende Signale. Das sauge ich auf wie andere Meeresrauschen.“
Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Diese Geräusche
WIE
Nur ein leises Summen ist zu hören, sonst ist alles dunkel. Es schwillt an und ab. Mal nah, dann wieder fern. Als es am lautesten ist, plötzliche Stille. Das blöde Vieh. Die Mücke hat sich jetzt auf mich gesetzt. Und ich weiß ich nicht wohin. Spätesten Morgen werde ich es sehen. Noch ein Versuch, kräftiges Zappeln am ganzen Körper. Da ist es wieder, das Summen. War sie wirklich auf mir. Gleich wird es wieder still, zweiter Versuch, dann gemeine, gefährliche Stille.
Zuhause kennt sie jedes Geräusch, es sind viele. Und sie braucht sie zum Einschlafen. Das Quietschen der Straßenbahn draußen vor der Tür, das Zufallen der Haustür im Treppenhaus, das Klappern der Aufzugstür, das Zuschlagen des Garagentors, leiseste Stimmen im Hinterhof. Im Sommer sind es mehr, wenn die Fenster offen stehen. Heute bei Oma ist alles anders. Hier hört sie gar nichts. Außer den Fernseher im Wohnzimmer. „Womit soll ich jetzt einschlafen?“ Sie versucht die Stimmen des Fernsehers zu überhören.
„Was meinst du, soll ich einen Nusskuchen backen, wenn Rebecca und Tina kommen?“ Schon holt sie die Backzutaten aus dem Schrank und nimmt jede Tüte einzeln in die Hand. Rosinen, Mandeln, Haselnüsse, Kokosflocken, Haferflocken, Schokostreusel, wer weiß, was das alles noch ist. Ihre Finger kneten die Tüten. Sie sucht das Ablaufdatum, das oft nur schwer zu finden ist. Er erträgt Knistergeräusche nur sehr schwer, ungefiltert, in dreifacher Lautstärke, als wären da ein Mikrofon und ein Kopfhörer direkt auf seinem Ohr.
„Warum hört man die Geräusche nicht, für die man selbst verantwortlich ist?“, fragt er laut.
Aber sie hört ihn nicht, ist zu sehr beschäftigt.
Zuerst ist es ihm nicht aufgefallen. Er sucht in dem erlesenen Bettengeschäft nach einer guten Matratze. Doch dann hört er es: Vogelgezwitscher. Es kann nicht echt sein, muss aus einem Lautsprecher kommen. Aber es hat seine Wirkung. Schon beim ersten Probeliegen möchte er gar nicht mehr aufstehen. Im nächsten Raum werden die Matratzen und Betten, diesmal von angenehmem Bachgeplätscher begleitet. Im dritten Verkaufsraum im Untergeschoss ist eine Bambusflöte zu hören, asiatische Stimmung.
„Verkaufen sie auch diese Wohlfühlklänge?“, fragt er den Verkäufer.
„Die können sie alle geschenkt haben, ich kann sie nicht mehr hören. Was glauben sie, wie ich mich freue, wenn ich abends die Straße betrete und mich Motoren und -Baustellenlärm empfängt, dazu ein paar Blaulichtsirenen und viele piepsende Signale. Das sauge ich auf wie andere Meeresrauschen.“