Texte zum Alltäglichen -
der wöchentliche Schreibblog

Amerika
Beim letzten Aufräumen hielt ich ein Bilderbuch aus den 60er Jahren in den Fingern. Ich habe es immer behalten, es hat heute noch seinen Platz, weil es meinen erster Eindruck von Amerika prägte und damit alle weiteren, die später dazu kamen.
Es stammt aus der Zeit, als das Bild über Amerika aus einem einzigen Vorurteil bestand: in diesem Land ist alles groß, mindesten doppelt so groß wie bei uns. Dabei hatte kaum einer dieses Land bereits selber gesehen, aber man kannte es zu Genüge aus dem Fernsehen. Es war geradezu wie eine weitere, zweite Heimat, vertraut, normal, aber eben doch woanders. Aber man kannte es gut, die Kühlschränke, die Wohnungseinrichtungen, Vorgärten, Gartenzäune, Telefone und ihr Klingeln, Polizeiuniformen und Sonnenbrillen, die Autos, den Klang der Stimmen von Erwachsenen wie von Kindern. Denn auch wenn sie deutsch sprachen, klangen sie anders.
Nach dem Umzug aus der Enge der Stadt in einen großflächigen Vorort, der fast nur aus Einfamilienhäusern bestand, schien aber manches ähnlicher zu werden: weiträumige Häuser, Gärten, Garagen und Autos und alles sollte möglichst groß sein: Die Automodelle der Firma Ford und Opel genauso wie die von Mercedes in jenen Jahren, die auf den Nachbargrundstücken standen. Sie erinnerten durchaus an amerikanische Autos, auch wenn sie da nicht ganz herankamen. Wohnungseinrichtungen, Fenster, Terrassen und Rasenflächen, Swimmingpool und Hollywoodschaukel, alles sollte viel Raum einnehmen, und die verschwenderischste Raumnutzung war das Bungalowformat. Dazu kamen kurze Haare und Pfeifen, große Hemdenmuster und breite Krawatten bei den Männern, hochtoupierte Frisuren und eng zusammengeschnürte Taillen bei den Frauen. Wenn auch nicht ganz im grenzenlosen XXXL Umfang wie in Amerika, aber im Ansatz schon so L bis XL..
Doch die Begeisterung für das Große verflog mit den Jahren bei uns Jungendlichen, als amerikanisches Kino, Buchautoren und Songwriter von den dunklen Seiten des Großartigen jenseits des großen Teichs erzählten. Und spätesten mit Woodstock war es dann so weit: statt XXXL in Hochglanz waren da doch plötzlich Enge und Gedränge, heilloses Durcheinander zu sehen, es gab auch dort wildes, notdürftiges, geradezu ärmliches Hausen unter freiem Himmel, eher gammelig und chaotisch. Aber immer noch schienen die Menschen dort sich damit glücklich und frei zu fühlen.
Also kam auch bei uns die Musik, die Kunst, die Fernsehunterhaltung, Serien aus Amerika. Stiefel, Jeans, Kappen und Sonnenrillen von dort zu tragen gehörte dazu wie die Schreibmaschinen, Kopierer und Computer auch aus Amerika kamen, selbst wenn man sie für Aufrufe gegen den Imperialismus brauchte.
Immer schon schlägt man sich mit Amerika herum wie mit einem großen Bruder. Auf seine Hilfe, seine Kraft kann man nicht verzichten. Im Notfall ist sie doch sehr nützlich. Gleichzeitig muss man mit ansehen, wie der Bruder einen Scheiß nach dem anderen baut, obwohl er es eigentlich besser wissen müsste. Aber irgendwie kommt er immer wieder auf die Beine. Man selber würde gerne unabhängig von ihm werden, aber immer noch trägt man gerne seine Klamotten, benutzt die ausrangierte Unterhaltungselektronik und benimmt sich so wie er.
Das Bemühen, vom ewigen überheblichen, großtuerischen Gehabe loszukommen, will nicht gelingen. Ein Blödmann ohne Gleichen an der Spitzte, aber ohne ihn ist es auch nicht besser. Und wenn er dann mit dem neuesten Hype nach Hause kommt, ist es auch irgendwie wieder verlockend.
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Amerika
Beim letzten Aufräumen hielt ich ein Bilderbuch aus den 60er Jahren in den Fingern. Ich habe es immer behalten, es hat heute noch seinen Platz, weil es meinen erster Eindruck von Amerika prägte und damit alle weiteren, die später dazu kamen.
Es stammt aus der Zeit, als das Bild über Amerika aus einem einzigen Vorurteil bestand: in diesem Land ist alles groß, mindesten doppelt so groß wie bei uns. Dabei hatte kaum einer dieses Land bereits selber gesehen, aber man kannte es zu Genüge aus dem Fernsehen. Es war geradezu wie eine weitere, zweite Heimat, vertraut, normal, aber eben doch woanders. Aber man kannte es gut, die Kühlschränke, die Wohnungseinrichtungen, Vorgärten, Gartenzäune, Telefone und ihr Klingeln, Polizeiuniformen und Sonnenbrillen, die Autos, den Klang der Stimmen von Erwachsenen wie von Kindern. Denn auch wenn sie deutsch sprachen, klangen sie anders.
Nach dem Umzug aus der Enge der Stadt in einen großflächigen Vorort, der fast nur aus Einfamilienhäusern bestand, schien aber manches ähnlicher zu werden: weiträumige Häuser, Gärten, Garagen und Autos und alles sollte möglichst groß sein: Die Automodelle der Firma Ford und Opel genauso wie die von Mercedes in jenen Jahren, die auf den Nachbargrundstücken standen. Sie erinnerten durchaus an amerikanische Autos, auch wenn sie da nicht ganz herankamen. Wohnungseinrichtungen, Fenster, Terrassen und Rasenflächen, Swimmingpool und Hollywoodschaukel, alles sollte viel Raum einnehmen, und die verschwenderischste Raumnutzung war das Bungalowformat. Dazu kamen kurze Haare und Pfeifen, große Hemdenmuster und breite Krawatten bei den Männern, hochtoupierte Frisuren und eng zusammengeschnürte Taillen bei den Frauen. Wenn auch nicht ganz im grenzenlosen XXXL Umfang wie in Amerika, aber im Ansatz schon so L bis XL..
Doch die Begeisterung für das Große verflog mit den Jahren bei uns Jungendlichen, als amerikanisches Kino, Buchautoren und Songwriter von den dunklen Seiten des Großartigen jenseits des großen Teichs erzählten. Und spätesten mit Woodstock war es dann so weit: statt XXXL in Hochglanz waren da doch plötzlich Enge und Gedränge, heilloses Durcheinander zu sehen, es gab auch dort wildes, notdürftiges, geradezu ärmliches Hausen unter freiem Himmel, eher gammelig und chaotisch. Aber immer noch schienen die Menschen dort sich damit glücklich und frei zu fühlen.
Also kam auch bei uns die Musik, die Kunst, die Fernsehunterhaltung, Serien aus Amerika. Stiefel, Jeans, Kappen und Sonnenrillen von dort zu tragen gehörte dazu wie die Schreibmaschinen, Kopierer und Computer auch aus Amerika kamen, selbst wenn man sie für Aufrufe gegen den Imperialismus brauchte.
Immer schon schlägt man sich mit Amerika herum wie mit einem großen Bruder. Auf seine Hilfe, seine Kraft kann man nicht verzichten. Im Notfall ist sie doch sehr nützlich. Gleichzeitig muss man mit ansehen, wie der Bruder einen Scheiß nach dem anderen baut, obwohl er es eigentlich besser wissen müsste. Aber irgendwie kommt er immer wieder auf die Beine. Man selber würde gerne unabhängig von ihm werden, aber immer noch trägt man gerne seine Klamotten, benutzt die ausrangierte Unterhaltungselektronik und benimmt sich so wie er.
Das Bemühen, vom ewigen überheblichen, großtuerischen Gehabe loszukommen, will nicht gelingen. Ein Blödmann ohne Gleichen an der Spitzte, aber ohne ihn ist es auch nicht besser. Und wenn er dann mit dem neuesten Hype nach Hause kommt, ist es auch irgendwie wieder verlockend.